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Eisige Kälte

Sonntag, 5. November 2006

Etüde (presto agitato)

Zusammen mit den Kriminaltechnikern trudelte auch Schneider am Tatort ein, dessen finstere Miene nichts Gutes verhieß. "Scheiße!", sagte Kollmer und trat seine Zigarette aus, während seine neue Kollegin ein schmales Lächeln zuließ. Schneider beachtete die beiden nicht. Er ging an ihnen vorbei und stolperte die Treppen zu Johnnys Wohnung hoch. "Kommen Sie, hören wir uns an, was er zu sagen hat!" Kollmer zupfte seine neue Kollegin am Ärmel. Schneider stand wie ein Feldherr im Türrahmen und dirigierte die Kriminaltechniker von dort aus. Ab und zu nestelte er nervös sein Handy aus der Innenseite seines braun gestreiften Jacketts und starrte es an, als erwarte er irgendeine Offenbarung. Kollmer trat hinter ihn und räusperte sich: "Chef, wie sieht´s aus?", bemerkte er in einem flapsigen und höchst unpassenden Ton. Schneider drehte sich langsam um. "Kollmer, um Sie kümmere ich mich noch persönlich. Jetzt haben wir auch noch das BKA und den BND am Hals! Können Sie sich überhaupt vorstellen, was jetzt los ist? Haben Sie davon auch nur die entfernteste Ahnung?" "Wenn ich Ihnen behilflich sein kann...?" "Schreiben Sie Ihren Bericht, aber ein bißchen plötzlich. Wie kann es eigentlich sein, dass Sie mit diesem...äh...Johnny über Ihre Fälle sprechen? Ist das ein Angehöriger unserer Polizei, den ich noch nicht kenne?" "Ist ja schon gut. Ich trolle mich." "Ja, aber Sie lassen sich vorher auf Spuren untersuchen. Mann, Mann, Mann, arbeite ich hier überhaupt nur mit Unfähigen zusammen?" Als Kollmer und seine neue Kollegin nach unten gingen, munterte sie ihn ein wenig auf: "Halb so schlimm, Kollmer. Jetzt brüllt er ein wenig rum, das ist schon in Ordnung. Sie werden sehen, er beruhigt sich ebenso schnell wieder." "Ja, wollen wir´s hoffen. Ich glaube, diesmal habe ich den Bogen ein bißchen überspannt. Aber warum das BKA und der BND? Fehlt nur noch das Außenministerium." "Vielleicht war Johnny doch nicht der, für den sie ihn gehalten haben." "Hm. Sie meinen, er war so eine Art Maulwurf?" "Ganz unmöglich wäre das nicht." "Aber warum dann diese Geschichte über diesen Pater?" "Über...wen?" Kollmer dämmerte es plötzlich. Vorsichtig ruderte er zurück. "Das war so ein Witz, den nur wir beide verstanden." "Worum ging es dabei?" "Ach, ein Pater kommt an das Himmelstor..." "Und?" "Und es ist verschlossen." "Das war alles?" "Ja, aber ich hatte öfter das Gefühl, als wollte er mir damit etwas anderes sagen." Seine neue Kollegin blieb skeptisch. Er war eben noch nie gut darin gewesen, irgendwelche Erklärungen aus dem Ärmel zu schütteln. Sie blieb stehen und lachte kurz auf. "Ich kannte mal einen Kollegen, mit dem ich mich nur über solche Insiderwitze unterhielt. Die anderen hielten uns für komplett übergeschnappt." Kollmer lächelte breit. Sie hatte den Köder geschluckt. Sein Bericht würde ein heißes Eisen werden, das fühlte er.

Samstag, 4. November 2006

Etüde

Johnny bewegte sich flink zum Fenster und blickte in den dort angebrachten Außenspiegel, auf dem er sofort sah, wer vor der Türe stand. "Da ist niemand", sagte er leise. "Soll ich mal nachsehen?", fragte Kollmer, der immer noch in die Skizze des Menschenopfers vertieft war. "Ja, geh doch mal kurz nach unten. Vielleicht findet ja nur jemand den Weg zu einem Nachbarn nicht." Kollmer konnte sich nur schwer von der Zeichnung losreißen. Er entfernte sich, den Blick immer noch auf das Blatt Papier geheftet, fast in einer Rückwärtsbewegung. Als er in das Treppenhaus trat, bemerkte aus den Augenwinkeln, wie jemand mit einer schnellen Bewegung weghuschte, aber als er nach unten stieg, war derjenige wie vom Erdboden verschluckt. Er überprüfte jede Nische und stand schließlich im Erdgeschoss, in dem es leicht nach scharfen Reinigungsmitteln roch. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Oben hörte er eine Tür knarren. Johnny würde schon ungeduldig auf ihn warten. Er seufzte und öffnete die Tür zur Straße, als er seine neue Kollegin mit wehenden Haaren und wild gestikulierend auf sich zulaufen sah. "Schnell!", rief sie atemlos. "Sie? Was machen Sie hier?" "Kollmer, Sie sind ein ausgemachter Trottel, entschuldigen Sie!" Erst jetzt begriff er. "Johnny!", brüllte er. Er stürmte wieder die Treppen hoch, hinter sich seine neue Kollegin, und warf sich mit voller Wucht gegen die geschlossene Tür, die zu Johnnys Wohnung führte. Sie gab ächzend nach und brach in der Mitte. Die Unterlagen, die ihm Johnny gezeigt hatte, waren verschwunden. Die Wohnung hatte sich innerhalb von wenigen Minuten in ein unübersichtliches Chaos verwandelt. Bücherregale waren umgeworfen, Schubladen hastig geöffnet und deren Inhalt auf dem Boden verteilt worden. In der Mitte des Wohnzimmers stand Johnnys leerer Rollstuhl. Sein regloser Körper lehnte blutüberströmt am Tisch, an dem zuvor Kollmer zusammen mit ihm gesessen hatte. "Johnny! Nein!" Er stürzte auf ihn zu, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch. "Wach auf, verdammt noch mal. Wir brauchen sofort einen Notarzt..." Die Situation entglitt ihm vollkommen. "Kollmer, lassen Sie. Sie sehen doch..." "Nein, nein, nein!", rief er und hieb mit der flachen Hand so heftig auf den Glastisch, dass an einer Ecke ein Stück absplitterte. "Wo ist er? Er kann doch nicht schon weg sein?" Kollmer riss seine Waffe aus dem Halfter und wollte schon davonrennen, als ihm seine neue Kollegin einen plötzlichen und heftigen Stoß gegen seinen Solarplexus verpasste, der ihn wimmernd zusammenknicken ließ. "Tut mir leid, aber Sie drehen durch, Kollmer. Nichts davon wird später im Protokoll erscheinen, das kann ich Ihnen versichern. Aber jetzt haben wir bereits drei Leichen und sind noch keinen Schritt weiter gekommen!" Kollmer verdrehte seine glasigen Augen, bevor ihm endgültig schlecht wurde.

Dienstag, 25. April 2006

Der Hexer (Teil 2)

"Ja, des Hexers.", fuhr Johnny ungerührt fort. "Es handelt sich dabei um einen Bericht, der eigentlich gar nicht existieren sollte. Darin ist die Anordnung abgetrennter Körperteile um ein Kind herum skizziert, die zusammen mit dem toten Leib des Kindes einem Priester der Azteken auf einem Tonteller zur Opferung übergeben wurden. Und diese Skizze gleicht dem, was ich hier auf dieser Fotografie sehe, bis aufs Haar." Kollmer riss die Augen auf und griff sich an den Hals. "Ich brauche ein Glas Wasser", krächzte er. Hektisch lockerte er den Knoten seiner rotseidenen Krawatte. "Warte, ich bring dir eines." Johnny ging äußerst geschickt mit seinem Rollstuhl um. Nach einem kurzen Augenblick kam er wieder aus der Küche zurück und reichte Kollmer das sprudelnde Wasser. "Ich muss mich setzen." "Ja, setz dich in den Sessel dort...", sagte Johnny nachlässig, den Blick immer noch auf die Fotografien geheftet. "Der Hexer war ein Dominikanerpater, Ramon Ondres, der von Cortez als Unterhändler zu den Azteken vorausgeschickt worden war. Cortez trat als neue Macht auf den Plan und gewann mit einer Doppelstrategie aus äußerster Grausamkeit und mit Hilfe von wertlosen Geschenken immer mehr Verbündete unter den Stämmen, die den Azteken zu Tributzahlungen verpflichtet waren. Die Azteken waren damals an der Schwelle zu einer aufgeklärten Gesellschaft, wie wir sie etwa bei den Persern oder Karthagern finden. Dort spielte die Religion zwar auch eine große Rolle, aber sie nahm nicht mehr die ganze Breite im Alltagsleben der Menschen ein und diktierte nicht mehr jede einzelne Entscheidung der Machtträger. Das alles erkannte Ondres recht schnell und fertigte außerordentlich präzise und detaillierte Berichte über alles an, was er beobachtete. Wußtest du, dass die gausamen Darstellungen von Opfern, denen bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen und der Sonne entgegengehalten wird, eine reine Erfindung der Spanier sind?" Kollmer saß in sich zusammengesunken auf einem Sessel und blickte nicht einmal auf, als Johnny ihn ansprach. "Die Azteken verfügten bereits über das Wissen, jemanden mit einem Mix aus verschiedensten Substanzen minutengenau sterben zu lassen. Das Opfer wurde zunächst betäubt und starb schließlich an einer langsamen Vergiftung, bevor es geopfert wurde. Sein Herz hatte jedoch erst vor wenigen Minuten aufgehört zu schlagen, so dass es noch elektrische Reflexe zeigte, wenn es aus der Brust geschnitten wurde. Zudem war diese Praxis bereits im Abflauen, als die Spanier eintrafen, und es gab nur noch in einigen verbündeten Stämmen regelmäßige Opferungen. Ondres stellte sich sogar seinen eigenen Landsleuten entgegen, die vor Gier nach sagenhaften Schätzen immer mehr in einen Blutrausch gerieten und dabei vor niemandem mehr haltmachten. Cortez ließ seine Schriften beschlagnahmen und überstellte ihn der Inquisition in Spanien. Diese machte kurzen Prozess mit ihm und ließ ihn vor den sensationslüsternen Augen der spanischen Königin auf einem Scheiterhaufen verbrennen. Merkwürdigerweise gelangte aber eine Abschrift seiner Berichte über Nordamerika in ein elsässisches Kloster der Dominikaner, wo ich sie im Rahmen meiner Doktorarbeit ausgrub." Kollmer murmelte irgendetwas, was wie Zustimmung klang; aber er hatte offenbar nicht zugehört. "Zurück zum Fall. Wo habe ich nur die Kopie der Abbildung, damit du mir auch glaubst?" Er verschwand lautlos aus dem Zimmer. Kurz darauf kehrte er zurück und hob triumphierend ein etwas angegilbtes Blatt in die Höhe. "Ha! Hier ist es!" Kollmer sah ihn mit fiebrigen Augen an. Dann sprach er langsam, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht: "Was denn?" "Die Skizze des Menschenopfers." Johnny hielt ihm die Fotografie des Opfers und die Kopie der Skizze hin. "Das stimmt ja millimetergenau überein!" rief Kollmer, wieder völlig wach durch seine blitzartige Erkenntnis. Er sprang auf. "Sag, wer weiß noch von dieser Abschrift?" "Ich glaube alle, die sich im Kloster aufhalten oder seit meiner Entdeckung mit den Patres gesprochen haben." "Hast du je eine Zeile darüber veröffentlicht?" "Nein, denn ich arbeitete ja nur einen Teilindex der Klosterbibliothek auf. Der Prior reagierte recht unwirsch, als ich ihm von meiner Entdeckung erzählte. Die Abschrift sei als geheimer Sonderbestand zu klassifizieren. Außerdem konfiszierte er eigenhändig alle Unterlagen und Notizen, die ich darüber hatte." "Und wie hast du reagiert?" "Ich sträubte mich nicht dagegen und ließ ihn gewähren. Ich stand kurz vor dem Abschluss meiner Arbeit, und die Alternative lautete: entweder Ruhm oder Doktortitel. Ich habe mich für den Titel entschieden." Kollmer ging mit verschränkten Armen auf und ab und sah beiläufig aus dem Fenster. Er war aufs Äußerste angespannt. Die Lösung schien zum Greifen nahe. Plötzlich schellte es an der Tür.

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Dienstag, 18. April 2006

Der Hexer

Am nächsten Tag besuchte er mit den Fotos vom Tatort Johnny. Johnny wohnte in einer etwas heruntergekommenen Gegend am Flussufer. Von seiner Wohnung aus konnte man abends die Liebespaare auf der gegenüberliegenden Promenade beobachten, während direkt unter den Fenstern die Gangs dieses Viertels lautstark ihren Geschäften nachgingen. Johnny schien das alles nicht weiter zu stören, denn seine Wohnung war eingerichtet wie ein vollgestopftes Museum, das Kuriositäten aller Art enthielt. Die Bürcherregale quollen über und bogen sich unter dem Gewicht der auf ihnen abgestellten Gegenstände. Er hatte sich in seiner eigenen Welt eingerichtet, die er selten verließ. Eigentlich nur, wenn es absolut unumgänglich war. Kollmer wußte nicht, was er sich von seinem Besuch versprach. Aber Johnny war ein Weltbürger im weltweiten Netz, und vielleicht hatte er irgendeine spontane Eingebung zum Material, das er ihm zeigen wollte. Kollmer ahnte nicht im Entferntesten, dass ihm seine neue Kollegin dicht auf den Fersen war. Er verschwand im Hauseingang und zog die Tür hinter sich zu. Als sie ihn nicht mehr sah, ging sie zurück zu ihrem Wagen, stieg ein und zündete sich eine Zigarette an. Sie würde auf ihn warten, bis er zurückkam. Kollmer war zu sehr in Gedanken versunken, um irgendjemanden zu bemerken. Er grübelte vor sich hin und hätte beinahe die Tür zu Johnnys Wohnung verpaßt. Jetzt kam ihm seine Idee plötzlich lächerlich vor. Er wollte schon auf der Stelle kehrtmachen, da öffnete sich die Tür, und Johnny fuhr im Rollstuhl über die Schwelle. "Martin! Schon lange nicht mehr gesehen? Was liegt an?" Kollmer lächelte und murmelte einen Gruß. Dann folgte er Johnny in seine Wohnung. "Du hast einen neuen Fall, stimmt´s? Du weißt die Bedeutung nicht, oder? Du ahnst schon etwas, aber nur sehr verschwommen?" Ruckartig drehte sich Johnny mit seinem Rollstuhl um und sah Kollmer voll ins Gesicht. Kollmer blieb abrupt stehen. "Ja, ja..." sagte er gedehnt. Dann nahm er die Fotografien aus seiner Manteltasche. "Du weißt..." sagte er zu Johnny. "Ja, ich weiß...nun gib schon her!" Johnny legte die Fotografien auf seinen Schoß. Dann stieß er einen überraschten Pfiff aus. Er hielt die Fotografie des getöteten Kindes ins Licht und kniff die Augen zusammen. "Mittelamerika", sagte Johnny bestimmt und tippte mit dem Zeigefinder der anderen Hand auf die Fotografie. "Ich müßte mich schon sehr täuschen, aber genauso ist es im Bericht des Hexers beschrieben." "Des Hexers?" Kollmer schrie fast. Er schwitzte und hatte Mühe, sich von seinem Mantel zu befreien. Wütend schmiss er ihn auf den Boden.

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Montag, 17. April 2006

Irren

Kollmer atmete tief die frische Nachtluft ein, als er vor dem Präsidium stand. Einige Fenster waren hell erleuchtet, und er ahnte die Geschäftigkeit, die er gerade hinter sich gelassen hatte. Einen Augenblick lang dachte er daran, jetzt noch Christina anzurufen. Sie würde mit ihrer dunklen Stimme "Hallo?" sagen und ziemlich verschlafen klingen. Er wußte nicht, ob er es wagen sollte. Christina war seine beste Freundin, mit der er ab und zu schlief. Sie waren beide sehr freiheitsliebend, und genau aus diesem Grund hatten sie auch zueinander gefunden. Es war ihnen gelungen, eine lose Verbindung aufrechtzuerhalten, ohne dass jemals einer von ihnen mehr verlangt hätte. Ihre Türen waren für den anderen immer offen, sei es nun, um nur zu reden oder um Zärtlichkeiten auszutauschen. Der Sex war unkompliziert, befriedigend und keine Kampfarena, in der man dem anderen etwas beweisen mußte. Er genoss das Abflauen der Erregung, wenn sie beide im Dunkeln nebeneinander lagen, ruhig atmeten und ihren Gedanken nachhingen. Wenn sie sich in einem solchen Augenblick zu ihm umdrehte und etwas sagte, sah er den Schimmer von Melancholie in ihren Augen leuchten. Es war ihnen beiden klar, dass sie auch andere Partner hatten, aber sie sprachen nie darüber. Er stieg in seinen Ford, fuhr aus dem Hof und auf die Ringstraße. Er wollte sie überraschen, indem er einfach unangekündigt bei ihr vorbeischauen würde. Seine Gedanken kreisten immer noch um den Fall, und er hoffte, dass sie sich eine halbe Stunde Zeit nahm, um ihm zuzuhören, auch wenn es mitten in der Nacht war. Eine knappe Viertelstunde später stand er vor dem Haus, in dem sie wohnte, und klingelte. Es knackte in der Gegensprechanlage, und eine männliche Stimme fragte: "Hallo? Wer ist da?" "Ich bin´s, Kollmer, ist Christina nicht da?" Es war ein Fehler gewesen, etwas zu sagen. Er hätte ganz einfach gehen sollen. Er hörte, wie sich Christina und der Mann aufgeregt unterhielten. Dann war Christina an der Gegensprechanlage. "Christina, ich bin´s, lass mich doch zumindest rein." "Martin, du Arschloch. Verpiss dich!" "Christina, Christina...!" Er hörte ein Knacken. Die Leitung war tot. Er wollte erneut klingeln, aber schließlich zuckte sein Finger zurück. In dieser Nacht wartete nur noch Jack Daniels auf ihn.

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Dienstag, 11. April 2006

Mars

Die einzigen Gefühle, die ihm noch geblieben waren, waren Wut und Angst. Eine kalte Wut, die eingekapselt war und ihm jede logische Verknüpfung zerschnitt, ehe er sie ahnen konnte. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Er war zur Fassade geronnen, hinter der sich niemand befand. Er wollte sich selbst tilgen. Diesen Wunsch beseelte eine solche ungeheure Hybris, dass es ihn selbst schauderte. Er errichtete ein abgeschlossenes System aus Schuldgefühlen und Bestrafungsphantasien, in dessen Mittelpunkt er sich selbst befand und das ihn immer weiter von der Realität wegdriften ließ. Oft erblickte er sich im Spiegel und sah ein ausgeschnittenes Loch. Dann wünschte er sich, er könnte dieses Loch mit Blut füllen, mit der Empfindung reiner physischer Schmerzen. - Kollmer wich instinktiv zurück. Ein stechender Geruch war ihm in die Nase geraten. Dann kroch wie ein glühender Lavastrom der Durst nach Blut in ihm hoch und der bittere Wunsch nach Rache und Vergeltung legte sich ihm als pelziger Geschmack auf die Zunge. Er ruderte mit den Armen und stolperte einige Schritte nach hinten, weg vom Leichnam, der vor ihm lag. Seine Eingeweide krampften sich zusammen. Schließlich zwang er sich, ruhiger zu atmen und die Situation objektiv zu analysieren. Es durfte auf keinen Fall geschehen, dass er sich bei seinen Ermittlungen von Emotionen leiten ließ. Von diesem Augenblick an lief die Zeit gegen ihn, und es durfte keinen Fehler geben, bis sich der Nebel gelichtet hatte. Er hatte die glasklare intuitive Erkenntnis, dass zuerst die Leiche der jungen Frau und viel später die des Kindes abgelegt worden war. Und irgendwie hatte ihn die Fundstelle der jungen Frau selbst zum Leichnam des Kindes geführt; daher mußte zwischen beiden irgendeine Verbindung bestehen, die er aber zunächst nicht näher eingrenzen und benennen konnte. Das Kind war etwa vier oder fünf Jahre alt und mit tiefen, aber gezielten Stichwunden völlig übersät; einige Finger und Zehen waren mit einem stumpfen Gegenstand abgehackt und neben das Kind gelegt worden. Die Anordnung des Körpers und der um ihn herum liegenden Körperteile machte einen kontrollierten und sachlichen Eindruck. Das Kind war an einem anderen Ort ermordet worden, und der Mörder schien nicht im Rausch der Erregung gehandelt zu haben, sondern einem genauen Plan gefolgt zu sein. Einzig und allein das zerfetzte und blutbefleckte Unterhemd passte nicht zu diesem Bild. Es hatte einem Erwachsenen gehört. Kollmer las so etwas wie eine Botschaft aus dem Unterhemd, aber es war wie bei einem Namen, der einem partout nicht einfallen will - irgendwann gibt man auf. Nachdem er so einige Minuten in hockender Stellung vor dem Leichnam verbracht hatte, stand er auf, um seine Kollegen zu informieren. "Mensch Kollmer, wie konnten Sie das wissen?" fragte ihn spät in der Nacht Schneider. "Lassen Sie mich nach Hause gehen, ich brauche ein paar Stunden Schlaf", antwortete er leise.

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Sonntag, 9. April 2006

Der Fund

Es war kalt und nass. Zu dritt stiegen sie auf matschigen Feldwegen eine Anhöhe hoch, wo schon mehrere Polizisten auf sie warteten. Ein massiger, älterer Mann mit grauem Vollbart kam auf sie zu. "Wir haben beinahe jeden Stein im Umkreis umgedreht. Ohne Ergebnis." Er zuckte bedauernd die Achseln. Kollmer ging auf die abgesperrte Fundstelle zu und sah, was er erwartet hatte: schlampige Arbeit. Ein rotes Absperrband knatterte hinter ihm im Wind. Er hörte eine sanfte Frauenstimme sagen: "Und, was sehen Sie, Herr Kollmer?" "Sagen Sie´s mir." "Sie ärgern sich über die bisher geleistete Arbeit." Er war verwirrt und schwieg. Sie hatte ihn durchschaut. Nach einer Pause sagte sie: "Nun, es ist keine große Kunst, das herauszufinden." Er drehte sich um. Sie lächelte ihn an. "Das ist noch nicht alles...", murmelte er. Und dann wußte er es. Ungefähr zweihundert Meter entfernt stand eine größere Baumgruppe unterhalb der Anhöhe. Dort sah er keine Polizisten, die das Gebüsch absuchten. Nur auf den Feldwegen sah er Polizisten in Zweiergruppen auf- und abgehen. Er winkte den älteren Mann zu sich. "Sehen Sie die Baumgruppe dort drüben? Warum wird dort nicht gesucht?" "Nun, ich nahm an, dass der Täter sie kaum dort unten ausgezogen und dann hier hochgeschleppt haben konnte. Es gibt auch keine Spuren, die darauf hindeuten." Er starrte den Beamten an. Langsam drehte er sich um und ging querfeldein auf die Baumgruppe zu. Schneider rief ihm etwas nach, das er nicht verstand. Die aufgeweichte Erde blieb an seinen Schuhen kleben. Je näher er den Bäumen kam, desto größer wurde seine Gewißheit. Die Baumgruppe wurde von einer großen Pappel überragt, deren Äste im Wind schwankten. Es war sehr schwer, sich durch das verwachsene Unterholz zu kämpfen. Er schob die Zweige zur Seite. Ein größerer Zweig schnellte zurück und zog ihm mit seinen Dornen einen blutenden Strich durch das Gesicht. Er fluchte und schob sich weiter in gebückter Haltung durch das Dickicht. Und dann beugte er sich unvermittelt über die gräßlich verstümmelte Leiche eines kleinen Kindes. Es war mit einem zerfetzen, blutgetränkten Unterhemd bedeckt.

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Präludium

Schon seit Monaten hatte man ihm keinen Fall anvertraut. Um so überraschter war er, als sein Vorgesetzter anrief, um ihn in das Besprechungszimmer zu bestellen. Seine plötzlich aufkeimenden Hoffnungen zerplatzten jäh, als er in das Besprechungszimmer trat. Die Kollegen befanden sich in heller Aufregung und beachteten ihn kaum. Der einzige, der ihm hier sympathisch war, war Manfred, der EDV-Fachmann. Er nickte ihm kurz zu. Da aber neben ihm kein Stuhl mehr frei war, würde er sich an den einzig freien Platz neben Kuhnwein setzen müssen. Kuhnwein war ein widerlicher Karrierist, der es ihm nicht verziehen hatte, dass er einen Fall, dessen Aufklärung Kuhnwein leitete, quasi im Alleingang und am Schreibtisch gelöst hatte. Kuhnwein schenkte ihm ein sardonisches Grinsen, als er Platz nahm, dann diskutierte er weiter mit dem Leiter der Einsatzstelle, Schneider. Schließlich erhob sich Schneider und räusperte sich. Das Gemurmel erstarb. "Meine Herren, erstmal einen guten Tag! Heute morgen wurde in Melstein, einem kleinem Ort an der Laach, die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Die Leiche befand sich bereits im anfänglichen Zustand der Verwesung, und wir müssen zunächst alles daransetzen, sie zu identifizieren. Auffällig war dabei auch, dass die Leiche unbekleidet war und keine weiteren persönlichen Gegenstände bei sich trug. Auch hier wird im Umkreis der Fundstelle fieberhaft nach weiteren Hinweisen gesucht. Ich habe heute morgen mit dem LKA telefoniert, und sie werden uns eine Spezialistin als Unterstützung schicken. Ich hatte gehofft, sie euch bereits vorstellen zu können, aber offensichtlich hat sie sich verspätet. Ich schlage darum vor, dass Kuhnwein und Hofmann die Vermißtenkartei durchforsten. Kollmer, Sie besichtigen mit mir den Fundort der Leiche. Vielen Dank." Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte aufstehen und schwach protestieren, aber die Tür öffnete sich, und eine außerordentlich schöne blonde Frau betrat den Raum. Sie trug einen riesigen Pilotenkoffer bei sich und ging schnurstracks auf Schneider zu. "Herr Schneider, nehme ich an?" "Und Sie sind Frau Kerstein?" "Ja." Schneider beugte sich vor. Es sah fast so aus, als wollte er ihr die Hand küssen, aber er schüttelte sie dann doch nur knapp. "Herr Kollmer" - Schneider streifte ihn mit einem kurzen Blick - "und ich wollten gerade nach Melstein raus fahren. Wollen Sie uns begleiten?" "Ja, sehr gern." Die halbstündige Fahrt über wurde kaum ein Wort gewechselt. Er wollte sich auch nicht mit der Kollegin aus dem LKA unterhalten und sah statt dessen aus dem Fenster. Am liebsten hätte er losgeheult, und er konnte kaum sagen, warum. Als sie in Melstein ausstiegen, zischte Schneider ihm zu: "Mensch, Kollmer, reißen Sie sich zusammen!"

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Der Schatten

Im Grunde genommen ließ er sich gehen, legte die Hände in den Schoß und wartete darauf, dass es vorüberging. Die Ermittlungsakten auf seinem Schreibtisch stapelten sich; aber er bevorzugte es, lange Mittagspausen einzulegen und vor dem Restaurant auf dem Marktplatz den vorbeiziehenden Wolken nachzublicken. Ab und zu erntete er einen mitleidigen Blick, den er auf sich beruhen ließ. Er wollte nicht darüber reden, was vor ein paar Wochen vorgefallen war. Die Nächte hindurch hielt er sich krampfhaft wach, und wenn er erschöpft einschlief, schreckte er meistens von einem Alptraum wieder hoch. Einige Jahre später sagte er zu einem Freund über diese Zeit: "Weißt du, ich beschäftigte mich ausgiebig mit der Frage, ob ich in den Abgrund springen sollte, der sich vor mir auftat." Seine Anträge auf eine längere Beurlaubung wurden regelmäßig abgewiesen. Seine Dienststelle wollte wegen fehlendem Personal nicht auf ihn verzichten. Er übte sich daher in passivem Widerstand. Jeden Abend, wenn er seine Wohnung aufschloss, wartete niemand auf ihn, und damit er das Gefühl der alles erdrückenden Einsamkeit abstellen konnte, schaltete er den Fernseher ein. Im obersten Fach seines überdimensionierten Kleiderschranks hatte er seinen Vorrat an Jack Daniels untergebracht, der ihm nach seiner eigenen Berechnung ungefähr ein Jahr reichen sollte, wenn er jeden Tag nur eine halbe Flasche trank. Am Wochenende wurde daraus eine ganze Flasche. Seine Wohnung glich einem Schlachtfeld: Zeitungsartikel lagen herum, dreckiges Geschirr türmte sich in der Küche, und sein Bett hätte dringend neu bezogen werden müssen. Das alles war ihm egal, solange sein Auto noch fuhr. Sollte es einmal nicht mehr fahren, so sagte er sich, wäre es an der Zeit gewesen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Also betete er jeden Tag, wenn er sein graues, müdes und eingefallenes Gesicht im Badezimmerspiegel beim Rasieren betrachtete, darum, dass sein Auto am nächsten Morgen anspringen würde. Es sprang immer an, und er schlug auch an diesem Morgen den Weg zum Büro ein. Irgendein BGS-Beamter erwartete einen Bericht von ihm, den er ihm seit Monaten bereits versprochen hatte. Er fertigte ihn am Telefon mit ein paar knappen Worten ab, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und beobachtete seine Kollegen bei der Arbeit. Sie liefen hektisch hin und her und erinnerten ihn an Ameisen, die jeden eigenständigen Willen verloren hatten und nun sklavisch einem fremden Plan folgten. Er verachtete sie, ohne jeden Zweifel, und doch war ihm schmerzhaft bewußt, dass sie Recht hatten und nicht er. Sie handelten. Er tat gar nichts. Oft badete er sich geradezu in der Vorstellung, in der Öffentlichkeit von einem seiner Vorgesetzten als Schmarotzer und Faulpelz bezeichnet zu werden. Solange er sich das vorstellte, fühlte er sich unverwundbar. Er wußte noch nicht, dass sein Leben an diesem Morgen gründlich durcheinandergewirbelt werden sollte.

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Rauschen

Schöne Initiative in Annweiler am Trifels.
Via David kommt dieser Hinweis auf einen Gebetstag...
ElsaLaska - 23. November, 20:33
Maulkorb von links
Der klassische Maulkorb von rechts benutzt ja Paulus...
ElsaLaska - 23. November, 19:57
vergelesen
beim Stöbern in den reduzierten Restexemplaren...
zuckerwattewolkenmond - 23. November, 19:29
Tja. Jetzt habe
ich mir also die letzten Tage Prime suspect, die Complete...
Anobella - 23. November, 19:06
Max Frisch
Ich lese zwischendurch immer wieder gern in den gesammelten...
Frau Schaaf - 23. November, 15:16
Traumsplitter
Windgrün Ein scharfer Wind bläst und mir...
zuckerwattewolkenmond - 23. November, 11:03
Aua, schreit der Bauer!
Gestern Abend auf dem Weg vom Auto zur Wohnung bin...
Frau Schaaf - 23. November, 10:26
I could say bella, bella, even say wunderbar
zuckerwattewolkenmond - 22. November, 22:08

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