Desorganisation
Wenn ich morgen die Türe zu meinem Büro öffne, wird es wahrscheinlich eher den Charme eines Möbellagers versprühen, als irgendeinem Ding zu gleichen, das auch nur im Entferntesten als Arbeitsplatz zu identifizieren wäre. Anschließend wird mich ein Knurren an die Anwesenheit einer Person unidentifizierbaren Geschlechts erinnern (der Name läßt auf Weiblichkeit schließen ), für die mein Körpergeruch so unzumutbar war, dass sich bereits der Vorstand ernsthaft mit den olfaktorischen Eindrücken ihres empfindlichen Näschens beschäftigen mußte. Solange mein Chef und der Vorgesetzte dieses Aliens sich nicht definitv zu einer Entscheidung durchringen können, wer welches Büro bezieht, fasse ich keinen Bleistift an und trete einen unbefristeten und unorganisierten Streik an. Ein Büro werde ich mir mit ihr nicht teilen, und schon gar nicht jenes, an das ich mich jetzt gewöhnt habe. Ich kann nichts für den Größenwahnsinn anderer Leute, und wenn sie Räume besetzen, die ursprünglich für Lehrstuhlinhaber vorgesehen waren und dann bei deren Eintreffen etwas unsanft ausquartiert werden, ist das auch nicht mein Problem. Sie hat doch mit ihrem Büro und ihrem Seminarraum ("Dafür soll ich jetzt einen Beamer kaufen, haha!") geprotzt und sich vor mir aufgespielt. Natürlich ist sie jetzt bis auf die Knochen blamiert. DAS allerdings lasse ich mir nicht nehmen, in diesem wunden Punkt ein wenig herumzustochern. - Notiz an mich: Nie mehr zuhause den Anrufbeantworter in der Arbeit abhören, außer wenn ich mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen werde.
Wenn ich zur ersten Vorstellungsrunde schon nicht eingeladen werde, brauche ich mir für die zweite keine allzu großen Hoffnungen mehr machen. Ich bin disqualifiziert (oder: nicht qualifiziert), aber das war mir schon vorher klar. Und weiter im vertrauten Chaos.
Mein Chef schickte mir gerade mehrere e-mails, und zwar um 10.00 Uhr am Sonntag. Na bravo. Ich habe zwar einen Arbeitsvertrag, aber ich bin nicht mit dem Betrieb verheiratet; es fehlte gerade noch, dass von mir erwartet wird, auch sonntags in der Arbeit zu erscheinen. Aber das scheint in meiner neuen Abteilung eher die Regel als die Ausnahme zu sein, und meine fast vollständig versammelten Kollegen habe ich am Sonntag schon einmal im Büro überrascht. Auch wenn ich letzte Woche der Meinung war, die Lage hätte sich entspannt, gibt es wohl nur eine Möglichkeit: schnell nach einem Ausgang aus meinem Schlamassel zu suchen und hindurchzugehen.
...sind eine schöne Tradition. Eben habe ich einen im Postfach entdeckt und kann ihn selbst beim angestrengtesten Versuch, etwas anderes darin zu erkennen, nur so deuten:
"Zu Frage 247: Der Datenimport muss über die lokale Schnittstelle mit der Variablen R im Variablentyp String erfolgen. Damit die Kommunikation richtig funktioniert, sollte über den Rückkanal mit der Variablen T ein Datenaustausch zwecks Validierung erfolgen.(Dient ausschließlich dazu, daß keine Unstimmigkeiten und beide Datenbanken den gleichen Inhalt aufweisen.) Dem Inhalt der Variablen R, die über die lokale Schnittstelle Datensätze aus verschiedenen lokalen Datenbanken überträgt ist aufgrund einer Firewall und der Validierung über Variable T absolut zu vertrauen. Die aktuelle Version der Schnittstelle B ist befristet auf 1,75. Ein evtl. Update könnte ab Mitte April verfügbar gemacht werden. Damit würde der Schnittstelle B ein unbefristetes Zertifikat erteilt. Dies ist jedoch einzig noch von der jetzigen Geschwindigkeit der Variablen T abhängig. Die Hilfsvariable H habe ich in der aktuellen Programmversion ausgeschaltet. Denke dass ich bis Hl. 3 Könige damit auch klarkomme. Ich hoffe Deine Frage damit beantwortet zu haben."
Jaja, wer Ohren hat zu hören...*schmunzel*...die Hervorhebungen habe ich jetzt weggelassen. Am besten ist das mit der Hilfsvariablen H. - sehr guter Einfall.
WilderKaiser - 21. Dezember, 17:53 in:
Desorganisation
Die Informationen, die derzeit ungefiltert auf mich hereinstürmen, sind wirklich wuchtig. Wohl zu wuchtig für meine Konstitution - mein Körper meldet sich mit einem brennenden Rachen zu Wort und schickt mich aufs Krankenlager. - Die Stelle, die ich angetreten habe, ist allem Anschein nach nur intern auf zwei Jahre befristet; jemand von den Führungskräften hat hierzu eine handschriftliche Notiz angefertigt. Danach hätte man mich bei Erfolg ("Das läuft von allein, den brauchen wir jetzt nicht mehr") wie bei Misserfolg ("Er hat es nicht geschafft") meines Projekts wieder auf meinen alten Arbeitsplatz zurückgeschickt, zum Schaden für die Sache wie für das ganze Haus. Die Angelegenheit liegt jetzt beim Personalrat, mit dem ich gerne ein klärendes Gespräch führen würde. - Meine allerliebste Kollegin gestand mir heute, sie wäre vor einem Jahr moralisch so am Boden gewesen, dass sie bei einem Escort-Service angeheuert hätte. Glücklicherweise durchkreuzte ihr jetziger Mann ihre Pläne. Schade, dass sie ausgerechnet jetzt ihre Koffer packen muss, um ein neues Leben zu beginnen. Ich habe ihr offen gestanden, dass während der langen Zeit, in der wir uns täglich sahen, bei mir mehr als einmal der Wunsch aufkam, aus unserer kollegialen Freundschaft könnte doch mehr werden. Warum ich schließlich doch zögerte, aufs Ganze zu gehen, begründete ich mit meiner Feigheit und Mutlosigkeit. Ich werde sie schmerzlich vermissen. Sie ist hübsch, ziemlich naiv, aber für ihre Freunde eine wirkliche Unterstützung. Sie bot mir immer eine Schulter, an der ich mich ausweinen durfte.
WilderKaiser - 15. Dezember, 20:30 in:
Desorganisation
Heute morgen beim Aufwachen war mir ganz klar, dass die Verantwortlichen in einer beruflichen Angelegenheit nicht mit offenen Karten spielen. Mittlerweile glaube ich, dass ich nur mit hinzugezogen wurde, um einem Unbeteiligten, der nahe beim Vorstand sitzt, vorzugaukeln, es gehe alles mit rechten Dingen zu. Wenn es nicht Korruption ist, so wurden doch unerlaubte Absprachen getroffen. Die Konkurrenz ist offenbar so groß, dass mit allen Mitteln versucht wird, einen gewissen Grundumsatz mit externen Kunden zu halten oder zu erzielen. Da nur so interessante wirtschaftliche Effekte erzielt werden können, hängt davon das Überleben dieser Abteilung ab. Und das funktioniert eben nur, wenn der Auftrag an den Mitbewerber vergeben wird, der die entsprechende Softwareanbindung bereitstellt. Ich verstehe nur nicht, warum man diese Bedingung nicht gleich bei der Angebotseinholung offengelegt hat.
WilderKaiser - 10. Dezember, 11:58 in:
Desorganisation
Wenn wir uns nur einen einzigen Augenblick Zeit nehmen würden, um über unsere Handlungen nachzudenken, und all das Überflüssige einfach weglassen würden, kämen wir gemeinsam schon einen riesigen Schritt vorwärts. Genau damit haben wir aber alle die größten Schwierigkeiten.
Überflüssig ist z.B. meine überschießende Besorgnis rund um meine Arbeit. Damit behindere ich mich nur. Die Energie kann nicht fließen und ist durch die ständige innere Unruhe gebunden. Dadurch, dass sich die Energie nicht in Produktivität umsetzen läßt, komme ich kaum vorwärts. Wenn sich das nicht ändert, wird der Inhalt meiner Besorgnis irgendwann Realität werden. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Überflüssig war der Anruf heute vormittag bei meinem Chef. Aber meine Befürchtung, er könnte mir aufgrund eines scharf formulierten e-mails von einem seiner früheren Arztkollegen in den Rücken fallen, läßt sich nicht so ohne weiteres abstellen.
Kurz und gut: ich habe das Gefühl, in einem Bestiarium gelandet zu sein. Ständiger Druck, mangelhafte Kooperation und Intrigenspinnerei bestimmen das Betriebsklima. Das Schlimmste ist aber nicht dieses Gefühl, sondern die fehlende Möglichkeit, meine gewohnheitsmäßige Schwarzmalerei mit jemandem, dem ich vertraue, Punkt für Punkt durchzugehen und ein realistisches Feedback zu bekommen. Vor wenigen Wochen war das noch möglich. Jetzt leider nicht mehr. Und neue Verbündete oder Vertraute sind nicht in Aussicht.
Der energetische Verschleiß ist bei mir dementsprechend hoch, und ich sehe nicht, wie ich diesen wieder auf ein normales Maß reduzieren könnte. Viele meiner Aktionen laufen ins Leere, und die Reaktionen darauf sind zum größten Teil frustrierend.
...war sehr anstrengend und in der Fülle der Informationen monströs. Dazu noch die nervige Zugfahrt - 1 Stunde hin, 1 Stunde zurück - , bei der es mir nicht vergönnt war, alleine zu sitzen, und die Abfahrt am frühesten Morgen. Aber das erste Mal, seit ich meinen neuen Aufgabenbereich übernommen habe, fühle ich mich, als hätte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Es ist tatsächlich von Vorteil, die einschlägigen Rechtsvorschriften genauer zu studieren. Eigentlich unglaublich, wenn ich bedenke, dass 90 % aller Aktivitäten, die rund um dieses Thema entfaltet werden und Zeit, Geld (viel Geld!) und Nerven kosten, lupenreiner Schrott sind. Jetzt will ich aber nur noch eine Tasse Tee, kuscheligen Sound und mein Bett. Adieu...
WilderKaiser - 22. November, 19:40 in:
Desorganisation
1x geheult, 2x moderiert, 1x Karten abgeholt, 10x telefoniert, 1x eingeschleust, 2x Chef, 1x Mittagessen, 30x Lesebestätigung (intern), 4x Kaffee, 1x Beamer. Ergebnis: 2x Protokoll, 1x Änderung. Geschätzter Zeitaufwand für schriftliche Nachbereitung: 5x 1 Stunde. Aaarrgh!
WilderKaiser - 20. November, 19:37 in:
Desorganisation
...ja ab und zu mal gerne, was all das Schlechte und Grausame betrifft, das mir im Leben begegnet. Aber das Theater um das Abschiedsfoto für unseren scheidenden Oberboss übertrifft selbst meine kühnsten Erwartungen. Jede Abteilung im Haus stellt sich also irgendwo hin, lächelt nett in die Kamera und das so fabrizierte Foto wird in einem Bildband verewigt, das sich unser pensionierter Oberboss in seinen Mußestunden vor dem Kamin bei einem Glas Wein mal durchblättert. Nein, das ist durchaus nicht ironisch gemeint, und Einwürfe wie: "Ja, aber an Halloween, wenn er sich mal richtig gruseln will", sind hier durchaus unangebracht. Nun gut. Heute nachmittag erreicht mich eine Mail unserer abteilungsinternen Betriebsnudel (männlich, also die schlimmere Sorte), am nächsten Mittwoch, 13.00, wäre Fototermin, wir sollten schon mal die Hemden rauslegen und zu bügeln beginnen. Blöd nur, dass ich an diesem Termin keine Zeit habe und nicht im Haus bin, da ich ein Blockseminar besuche, das sich über zwei Tage erstreckt. Das kann ich halt schlecht absagen, da das schon seit Wochen gebucht und die Seminargebühr von 600 Euro wahrscheinlich auch schon bezahlt worden ist. "Ja, was macht man jetzt da mit dir?" "Du bist echt der Einzige, der da keine Zeit hat, weißt du das?" "Wenn wir das gewußt hätten"..."Wieso benutzt du nicht unseren abteilungsinternen Kalender?"...tja, ich arbeite jetzt schon seit vier Wochen bei euch und habe halt jetzt erst erfahren, dass es den gibt, sonst hätte ich ihn eventuell schon eher benutzt. Sei´s drum. Jetzt soll also die Fotoabteilung versuchen, mich nachträglich ins Bild zu montieren. Sprechender könnte meine Stellung zu meiner neuen Abteilung und zu meinen neuen Kollegen gar nicht dargestellt werden. Meine allerliebste Kollegin, die schon eine feste Stelle woanders in Aussicht hat und bis zum Ende des Jahres die Segel streichen wird, erscheint überhaupt nicht auf dem Foto ihrer Abteilung. "Ich hatte halt Urlaub oder war krank...was weiß ich." Ich hoffe, dass ich ihr bald nachfolgen kann. Ich werde die Bewerbungen die nächsten Wochen einfach rausdreschen. Die Liste der Leute, die mich am *zensiert* Abend besuchen können, wird nämlich täglich länger.
WilderKaiser - 14. November, 23:27 in:
Desorganisation