Das Leuchten der blauen Blume
Es war dein Haus,
Brot, Wasser, Wein.
Aus dem Feuer
floss die Tinte.
Durch den Staub
erblindete Fenster
rahmten die Kometen.
Es war dein Geist.
Reglos stand nur noch
der schwarze König
zur Schattenstunde.
Kein Pendel schnitt
durch die Luft.
Von jenseits flackern
die Positionslichter der Stadt,
und über den Panzer
ergießt sich strömender Regen.
Sekunde um Sekunde rückt
das Finale näher.
Trauriger Amor - deine Pfeile
schlagen Wunden nur
dem flüchtenden Wild.
Im weißen Auge
strahlt noch einmal
Sirius.

Der Frühling hatte sich in eine trübe Masse verwandelt, die durch nichts erhellt werden konnte. Streller wanderte weit umher, laborierte in den abgeschlossenen Welten der Bibliotheken an seinen Arbeiten herum und verpaßte seinem Leben einen mausgrauen Anstrich. Er hatte kaum Anschluss gefunden, da er gegen die Gesellschaft anderer Menschen eine geradezu leidenschaftliche Abneigung hatte. Er wurde oft eingeladen und nahm die Verabredungen pflichtgemäß wahr, aber sie bereiteten ihm keine Freude. Spätestens nach einer Stunde fragte er sich, warum er überhaupt erschienen war. Das, was ihn bewegte, konnte er niemandem mitteilen. Er hatte Angst davor, dass andere Menschen seine Ideen ablehnten und ihn verhöhnten. So war er unscheinbar, einsam und krank danach, beachtet zu werden. Einer seiner Freunde war nach einer gescheiterten Beziehung nach Indien geflogen und hielt sich seit wenigen Tagen wieder in der Stadt auf. Völz rief ihn bereits am ersten Abend nach seiner Rückkehr an und überschüttete ihn mit den Eindrücken seiner Reise. Streller wußte, worauf es hinauslaufen würde. Er hatte von Völz eine ramponierte Karte mit der Abbildung Buddhas aus seinem Urlaub erhalten. Die roten Augen befremdeten ihn, aber als geheimes Zeichen hatte Völz noch geschrieben: "Achte auf seine Augen!" Der Tag kam, wie alle Tage kamen und gingen, wie alle Tage sich aus der Dämmerung ins Licht erhoben und danach wieder ins Dunkel zurückfielen, um sich wieder und wieder zu erneuern. Völz fuhr mit seinem roten Nissan vor, der einem Schrotthaufen ähnlicher war als einem vernünftigen Auto. Da Völz völlig aufgedreht war, bemerkte er Strellers eigenartige Verstimmung nicht und lenkte den Nissan aus der Stadt hinaus auf eine Anhöhe, von der aus man auf die Stadt hinunterblicken konnte. Dort zündete er einen Joint an und inhalierte zwei, drei tiefe Züge. "Weißt du, Streller", sagte er mit gepreßter Stimme, "Indien ist einfach ein völlig anderes Land." Er reichte ihm den Joint. Streller rauchte schweigend. Es war ihm unangenehm, so in einen Sitz gepfercht neben Völz zu sitzen. Schon nach den ersten Zügen waren sie beide bekifft bis unter die Schädeldecke. Sie glotzten auf die Stadt hinab, die sich wie ein mit leuchtenden Perlen bestickter schwarzer Teppich vor ihnen ausbreitete. Streller wurde völlig paranoid, sobald er die Wirkung der Droge in seinem Körper bemerkte. Aber anstatt sich ihr hinzugeben und sich in irrealen Welten zu verlieren, kämpfte er gegen sie an. Völz hingegen bereitete es sichtlich Vergnügen, Streller zu beobachten. "Weißt du, als ich in Indien war, übernachtete ich in einem Hotel, das auf einer Insel lag und von einem riesigen See eingeschlossen wurde. Die Abende verbrachte ich auf der Terrasse des Hotels. Ich freundete mich mit dem Hotelbesitzer an, der mich einmal nach einem Musikwunsch fragte. Ich bestellte mir Pink Floyd 'The dark side of the moon', und als ich die Musik hörte und dabei die untergehende Sonne den See rot färbte, mußte ich sofort an dich denken. Damals habe ich dir übrigens auch die Karte geschrieben." Streller nickte und lächelte. Ab und zu gluckste er vor sich hin. Er fühlte sich wohl, aber gerade das war ihm unangenehm. Er vermutete, dass Völz schlicht und einfach schwul war. Später hielten sie fröstelnd an einer Ausfallstraße, da Völz meinte, unbedingt telefonieren zu müssen. "Ich rufe jetzt Kerstin an. Kerstin ist einfach cool. Warst du schon in ihrer Wohnung? Sie hat eine tolle Wohnung." "Nein...", sagte Streller gedehnt. Ihm war nicht nach Kerstin, ihrer gemeinsamen Bekannten, zumute, und es herrschte eine bizarre Spannung zwischen ihnen, die zwischen Freundlichkeit und Aggression oszillierte. Ein halbes Jahr später erinnerte er sich an diesen Augenblick, als er sich bekifft und betrunken auf einer Silvesterparty mit einer schönen Unbekannten unterhielt, die er am liebsten umarmt und gestreichelt hätte. Das Gespräch drohte in eine Endlosschleife zu tauchen, da er so damit beschäftigt war, seinen Wunsch unter Kontrolle zu bringen und zurückzuweisen - er sagte nur: "Ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl. Ich glaube, mir wird schlecht", und als die Frau besorgt nachfragte, schwieg er beharrlich und sah sie nur beunruhigt an. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon wegen einer Lappalie mit Völz gebrochen. Streller hatte Angst und bemerkte sie nicht einmal, so natürlich war sie ihm geworden.
Wie immer hatte er den Sommer und die Sommerferien herbeigesehnt, da seine Großmutter in den heißesten Wochen des Jahres von Verwandten aus einer entfernten Großstadt besucht wurde, die schon allein wegen ihres seltsamen Verhaltens ein wenig Farbe und Abwechslung in die ansonsten eher dröge Besucherschar der Großmutter brachten. Unter ihnen war auch ein sehr viel älteres Mädchen mit reizenden Grübchen und blonden, sehr langen Haaren, das sich natürlich im Haus seiner Großmutter langweilte und deswegen bei ihm und seinem älteren Bruder Anschluss suchte. Der alte, kaum genutzte Bauernhof seiner Großmutter lag, nur durch eine mannshoche Buchsbaumhecke getrennt, zur Straße hin direkt vor dem Haus seiner Eltern. Am Tag der Ankunft wartete er gespannt, mit klopfendem Herzen, hinter der Hecke, bis die Besucher auf dem Hof vorgefahren waren, und lief ihnen dann in blinder Vorfreude entgegen. Schließlich nahm er den schlaff herabhängenden Arm des Mädchens, schlang ihn um sich und ließ sie nicht mehr los, so dass sie ihn wohl oder übel und unter großem Gelächter zum Haus seiner Großmutter schleifen mußte. Und so blieb es auch die nächsten Tage - er wich kaum einen Augenblick von ihrer Seite und brachte sie mit seinen drolligen Einfällen und Spielen immer wieder zum Lachen, wobei ihm nicht bewußt war, warum er das tat, noch, warum es ihm so viel Vergnügen bereitete. Er sog alles an ihr in sich auf - ihren Geruch, ihr Lachen, die sanfte Glätte ihrer Haut, ihre Grübchen, ihre strahlenden, hellblauen Augen. Voller Wehmut dachte er an den Augenblick, an dem sie ihn und seine Familie wieder verlassen musste. Die Tage begannen, wenn sie am Frühstückstisch saß und mit seiner Familie Kaffee trank. Sie endeten, wenn sie zusammen in ihren noch nassen Badesachen in der leisen Abenddämmerung auf der Terrasse saßen und den Vögeln zuhörten. Einmal zeigte sie ihm wie eine Trophäe ihr Lederarmband, auf dem "Cat Stevens" eingeprägt war, und er begann zu ahnen, dass es irgendwo eine Welt gab, in der das Tragen eines solchen Armband wie ein Erkennungsmerkmal war, ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einem geheimen Club, zu dem er keinen Zutritt hatte. Und so reihte sich Abenteuer an Abenteuer, Überschwang an Überschwang, doch der Augenblick des Abschieds kam unaufhörlich näher. Und je enger er sich an ihren wundervollen Körper schmiegte, um so weiter entfernte sie sich von ihm. Am Abend vor ihrer Heimreise zeigte er ihr etwas in seinem Kinderzimmer, und während er ununterbrochen plapperte, ließ sie sich müde auf sein Bett fallen. Er fragte sie schüchtern, ob er sich dazulegen dürfe, und sie ließ es zu und murmelte nur dumpf in sein Kopfkissen. Er schlüpfte an ihre Seite und spielte vorsichtig mit ihren blonden Haaren. Verzweifelt und wie, um sie endlich festzuhalten, preßte er sich an sie und fühlte plötzlich eine überwältigende, unbekannte Wärme in sich aufsteigen, die ihn verwirrte. Er atmete rascher, zwang sich aber, still liegen zu bleiben, um diesen Moment einzufrieren und zu konservieren. Aber es half nichts - das Leben war grausamer, als er gedacht hatte, riss sie von ihm fort, und auch die Sturzbäche an Tränen, die er vergoss, änderten daran nichts. Sie kam nicht wieder. Die Sommer blieben, wie sie waren - strahlend, mit herzzerreißenden Sonnenuntergängen, aber es war ein irgendwie blinder Glanz, der sich nicht mehr aufpolieren ließ. Viele Jahre hindurch schmeckten sie leer. Die Langeweile senkte ihren bleiernen Schatten über die Sommerferien und ließ sich nicht vertreiben, so sehr er sich auch bemühte. Fast ein Jahrzehnt später trafen sie wieder aufeinander, sie hatten sich verändert, aber ihre Sympathie füreinander hatte nichts von ihrem alten, noch immer wirksamen Zauber eingebüßt. Es war ein schwieriges Gespräch. Ihre Welten waren tatsächlich zu weit voneinander entfernt.
Hier liegt er
aufgeschichtet,
der Flussgott,
die Hörner
in das Bett
gerammt.
Ein Mädchen
zieht
Siebenmeilenstiefel
an und tanzt.
Ihr Lächeln
verwebt sich
mit dem Blau.
...darum tippe ich einfach ab, was ich heute im Zug geschrieben habe. Danach war mir nicht mehr nach Schreiben zumute, da ich eingehend die langen, hübschen Wimpern meiner Mitfahrerin mit pechschwarzen Haaren studierte, die direkt vor mir saß und sich schlafend stellte. Leider stieg sie nicht, wie ich, in Regensburg aus. Wenn ich mich getraut hätte, hätte ich sie sogar zum Kaffee eingeladen. Hier also der Text:
Gol. Als Gol, die letzte der blühenden Städte in der Ebene, fast vollständig menschenleer war, hatte Barija nur noch eine minimale Chance, zu überleben. Die Häuser, die im weitaus größten Teil der Stadt jenseits des Flusses Morichi lagen, waren entweder planiert oder gesprengt worden. Der Effekt dieser Maßnahme war, dass sich das todbringende Virus mit dem feinen Staub über die ganze Stadt verteilte. Die Krematorien bewältigten nur einen Bruchteil der Leichenberge, die die wenigen noch im Einsatz befindlichen Lastwagen vor den grauen Gebäuden anhäuften. Dann standen auch sie still. Ab und zu huschten nur noch Ratten über die vom weißen Staub weiß gepuderten Plätze, die nicht zerstört worden waren, und stießen überall auf reglose menschliche Körper.
Barija war einer der Arbeiter, die in die Minen vor den Toren der Stadt abkommandiert worden waren. Eines Tages kehrten seine Arbeitsgenossen nicht von einem Besuch in der Stadt zurück, und da es niemanden gab, der ihn telefonisch über die Lage in der Stadt informierte oder ihn zur Arbeit anhielt, richtete er sich vorübergehend in der Kabine des Schichtführers ein, einem kleinen, verglasten Bretterverschlag, in dem der Schichtführer seine Unterlagen und Werkzeuge aufbewahrte. Seine Petroleumvorräte reichten aus, um den dunklen, engen Raum ein paar Tage lang zu beleuchten, und Wasser und Verpflegung war ebenfalls reichlich vorhanden. Er drehte ab und zu das knarzende Radio auf, das aber nur rauschte und sonst kaum Töne ausspuckte. Er glaubte, irgendwelche ferne Stimmen herauszuhören, aber wenn er aus der Kabine trat und in die Stollen lauschte, hörte er auch ein feines Schaben und Kratzen, das nur vom Gesang seines Blutes in seinen Ohren kommen konnte. Als die Wasservorräte allmählich zur Neige gingen, wußte er ganz klar und deutlich, dass sein altes Leben zu Ende war. Er fuhr mit dem Aufzug nach oben, an die Erdoberfläche. Das fahle Licht der untergehenden Sonne blendete ihn, als er sich eine Zigarette anzündete.
Es hatte sich etwas angekündigt, schon lange vorher, das nicht nach einer Katastrophe, aber sehr wohl nach einem bitteren Verhängnis schmeckte. Was als Betriebsunfall lange unentdeckt geblieben war, entwickelte sich zu einer rasch anschwellenden Woge des Grauens, die nach und nach alle Teile des Landes erfasste. Überall bot sich das gleiche Bild aus untätiger Resignation und aufflackernder Panik, die vom Leichentuch des rasch eintretenden Todes erstickt wurde, bevor sie sich zur hell lodernden Flamme entfalten konnte. Armeen wurden aufgeboten und unzählige Landstriche verwüstet, um die Seuche von den eigenen Grenzen fern zu halten: allein, es war vergeblich. Der Erreger war ein Meister in der Kunst der Verwandlung und widerstand allen unbeholfenen Versuchen, seine furiose und durchschlagende Wirkung zu neutralisieren. Die Produktion der Arzneimittel kam alsbald zum Erliegen, da viele die Medikamente wahllos und in großen Dosen konsumierten. Die Folge war abzusehen: die meisten verendeten qualvoll nicht wegen der Seuche, sondern aufgrund der von ihnen selbst zusammengestellten Medikation.
"Weißt du, Tom, was ich ihnen zum Vorwurf mache? Dass sie keine eigenständigen Wesen sind. Sie spüren nur den - ja, fast kindlichen, fast reflexhaften Wunsch, zu verschmelzen und sich selbst auszulöschen, unsichtbar zu werden und sich hinter einer Fassade einzurichten, voller Angst und versteckter Feindeligkeit. Sie hassen es, im Rampenlicht zu stehen, etwas zu sein, das sich nicht mit dem allgemeinen common sense begründen läßt und sie vielleicht der Kritik aussetzt. Aber - " und an dieser Stelle rückte er seine Brille zurecht und starrte wieder auf den Monitor - "ich verurteile sie auch nicht, nein, warum, jeder fühlt doch dasselbe, und wer dieses Gefühl verleugnet, ist eigentlich kein Mensch. Doch dadurch, dass sie es aus Furcht und nicht aus Liebe tun, gerät ihnen ihr Leben zu einem Katastrophenszenario, in das sie andere mit hineinreißen, je mehr, desto besser. Denn immer, wenn sie kurz davor stehen, ihre Vernunft oder das, was sie dafür halten, über Bord zu werfen, quäkt in ihnen ihr ständig unbefriedigtes Ego und hält sie wieder zurück. Verständlich, dass jedes Quäntchen Macht auf sie eine ähnliche Wirkung entfaltet wie ein Tropfen Alkohol bei einem Alkoholiker, der seit 20 Jahren nichts mehr getrunken hat." "Es ist sehr einfach, sich so erhaben zu fühlen wie du. Brauchst du diese intellektuelle Bestätigung, damit du in deinen Augen nicht gar so mickrig erscheinst?" "Ach, Tom. Es ist eigentlich ganz einfach...aber wer sich verletzt fühlt, kann natürlich nicht zuhören. Er drückt an der schwärenden Wunde seiner Eitelkeit herum."
aus Arne Beldt: Der Glücksautomat
Das weiße Blatt
ertrinkt im Wasser,
das du fühlst.
Du läßt es gehn.
Es ist nur
dein Gesicht.
Eine kleine Hütte steht mitten im Hochgebirge, tief eingeschneit. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Da der Mantel wärmt und ein warmes Feuer lockt, ist es nicht wirklich kalt. Im Gegenteil, die Kälte ist erträglich; die Felsen glänzen schwarz im nassen Schnee. Nichts als Steine, Schnee und Geröll ringsherum. Jeden Tag steige ich zum Gipfel hoch, um auf die Wolkendecke hinabzusehen und einen Blick auf das Tal zu erhaschen. Der Himmel schickt ab und zu einen Schneeschauer. Am Kamin nicke ich ein und träume von einer Welt, die ich alleine bewohne. - Ich gehe langsam durch die herabfallende Dämmerung, die duftgeschwängerte Luft tief einatmend. Die grünen Kastanienblätter rascheln leise und erzählen mir von tiefen, unergründlichen Wundern. Ab und zu blitzt das Licht der fernen Sterne durch die Zweige. Es ist völlig still in der anbrechenden Sommernacht. Eine süße, verheißungsvolle Melodie, ein leises Summen, löst sich aus der Stille und streift mich mit einer Ahnung von Glück. Ich kann sie nicht festhalten und sehe lächelnd zu, wie sie sich funkelnd in die Dunkelheit verabschiedet.
Debers war kein seriöser Schachspieler, der die taktischen Positionen seiner Figuren abwägte und daraus eine logische Strategie ableitete. Seine ELO-Zahl war ihm im Grunde genommen egal, und Turniere besuchte er nur, um seine alten Freunde wiederzutreffen und sich an gemeinsame Zeiten zu erinnern. Er dümpelte im nationalen Mittelfeld vor sich hin, gewann kleinere Meisterschaften und pflegte daneben sein anderes Hobby, das er zum Beruf gemacht hatte. Debers war ein Geheimtipp unter Philatelisten, der mit Veröffentlichungen über seltene Sammlerstücke auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dennoch besaß er ein außerordentlich präzises Gespür für die Qualität einer Eröffnungssequenz. Wenn er sich im Cafe niederließ, um einen Wildfremden zu einer Partie herauszufordern, konnte er nach wenigen Zügen bereits sagen, ob es sich lohnte, weiterzuspielen. Wenn ihn die Partie langweilte, brach er das Spiel abrupt ab, indem er seinen König mit einem Finger flach auf das Spielbrett legte, lächelte, rasch eine Zigarette entzündete und sein Gegenüber zu einem Getränk einlud. Manchmal ergaben sich aus diesen Momenten interessante Gespräche, meistens jedoch stand er auf, sobald das Getränk von der Bedienung gebracht worden war, und verabschiedete sich mit einem festen Händedruck. Debers war in seinem grauen Mantel und seinem karierten Hut eine unauffällige Erscheinung, die man leicht übersehen konnte. Und doch ließ einen der Gedanke an ihn nur schwer wieder los. Im Schachclub, der nur ein paar Häuser weit von seinem Stammcafe entfernt war, gehörte er beinahe zum Inventar. Er redigierte den "Schachboten", eine äußerst unregelmäßig erscheinende Postille, die auf uralten Maschinen in einer zweihundertfachen Auflage gedruckt und kostenlos an die Mitglieder und Gäste des Clubs verteilt wurde, bis ein jüngeres Mitglied sich anbot, die Zeitung an seinem heimischen PC zu entwerfen; aber auch dann blieb er noch der Redakteur und schrieb viele Artikel selbst. Einen großen Raum nahmen dabei die Turnierberichte ein, in denen er seinen Clubkameraden die Genialität der Spielzüge eines Kasparov auseinandersetzte. Eines Tages bemerkte er in der Ecke seines Cafes einen jungen Mann mit strohblonden Haaren und einem blauen Pullover, der tief in die Lektüre seiner zufällig dort ausliegenden Postille versunken war. Er trat an ihn heran und räusperte sich. Langsam drehte sich der junge Mann um und musterte ihn. "Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber ich sehe, dass Sie sehr an meinen Artikeln interessiert sind und wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, eine Partie zu spielen?" Der junge Mann lächelte ihn an und sagte: "Sie sind der Verfasser? Setzen Sie sich doch." Debers dankte und setzte sich ihm gegenüber. Dann blickte ihn der Unbekannte durchdringend an und versetzte ihm im höflichen Parlando mehrere Schläge hintereinander: "Sehen Sie, ich bin kein Schachspieler, sondern Pianist, nun ja, ein bißchen verstehe ich was von der Materie. Was Sie jedoch über Kasparovs Verteidigung schreiben, ist ein ausgemachter Blödsinn." Er hob abwehrend die Hände. "Ich weiß, was Sie sagen wollen. Der Trick, den Springer nach hinten zu ziehen, ist ein dramatischer Effekt. Wenn Sie allerdings anschließend nicht höllisch aufpassen, zerfällt Ihnen das ganze Spiel, und einer Gegenattacke sind Tür und Tor geöffnet. Selbst Kasparov beherrschte das nur an seinen besten Tagen. Im absoluten Idealfall und mit sehr viel Glück schlagen Sie als Durchschnittsspieler noch ein Remis heraus." Der Unbekannte lehnte sich zurück, während Debers hinter den dicken Gläsern seiner Hornbrille blinzelte, aber ansonsten keine Miene verzog.