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Ansichten und Einsichten

Montag, 5. Februar 2007

Inflation der Werte

Allenthalben wird der Verfall der Werte beklagt. Vielen erscheint er wie ein unabänderliches Fatum, das sich wie der rote Faden der Orientierungslosigkeit tief in die Biographie gegraben hat. Und dennoch ist eher das Gegenteil der Fall: ein bunter Strauß von Werten wird angeboten und auch gelebt. Das glauben Sie nicht? Nun, Werte vereinfachen unser Leben ungemein. Es gibt immer ein Richtig und Falsch, und das Überangebot an Werten soll eher zu einem Leben mit möglichst großer Entscheidungsfreiheit verführen. Ja, richtig, Entscheidungsfreiheit, nämlich Freiheit von jeglicher Entscheidung. So bleiben wir dem Konsens treu und verraten unser Leben. Wirklich integriert kann ja ein Wert nur werden, wenn wir für ihn Stellung beziehen und ihn verteidigen müssen, auch auf die Gefahr plötzlicher Vereinzelung hin. Dann erst kann der Wert als persönlich beglaubigt und authentifiziert gelten. Völlig unscheinbar ist jedoch die weitaus größere, weil so diffuse und schwer zu fassende Gefahr, die durch die Inflation der Werte droht. Der schleichende Prozess weist durchaus Parallelen zu jenen wirtschaftlichen Vorgängen auf, die gemeinhin als Inflation bezeichnet werden: da die Gegenleistung zur kleinen Münze einem ständigen Schwund unterliegt, geht man eines Tages dazu über, nur noch mit bunt bedruckten Scheinen zu bezahlen, die irreale Zahlen ausweisen. Man überbietet sich gegenseitig auf dem Basar der Werte und hofft, die passende Staffage der Persönlichkeit mit Hilfe der Regeln des überhitzten Marktes zu finden.

Mehrere Dinge sind daran bemerkenswert: Authentizität avanciert von einem ästhetischen zu einem ethischen Kriterium. Diese Verschiebung der philosophischen Disziplinen begann ja schon mit der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, die Leibniz noch so wunderbar verbohrt zugunsten von Gott entschieden hatte. Der Untersuchungshäftling konnte jedoch nur einen kurzen Aufschub in Anspruch nehmen, war er doch der Amoralität angeklagt, ein Vergehen, das sich die als unbestechlicher Richter inthronisierte Vernunft nicht bieten lassen konnte. Die Metaphyik wird in der Theodizeefrage plötzlich mit den Folterwerkzeugen der Ethik traktiert. Insofern war es mehr als folgerichtig, dass der Angriff Nietzsches auf die scheinheilige Moral des Bürgertums wenig später ironischerweise ihrem emblematischen Stellvertreter, einem Papiergott, an den niemand mehr ernsthaft glauben wollte, galt. "Gott ist tot!" ist der Ausgangspunkt für die Erforschung einer neuen, einer Ersatzmoral, und nur eine in Worte gekleidete Wahrheit, an der sich niemand mehr stoßen konnte, obwohl sich tatsächlich noch viele daran stießen. Für Nietzsche gewann die Ästhetik eine überragende Bedeutung im Kampf gegen die ethische Pressnormierung der bürgerlichen Seele. Die Katastrophe war absehbar, sie lag in der Entfesselung des Willens, aber es war gewissermaßen eine elitäre Katastrophe, die ihre demokratische und soziologische Aufklärung noch nicht hinter sich gebracht hatte. Ihre Auswirkungen waren jedoch so gewaltig, dass sie Millionen Menschen mit in ihren Schlund zog.

Dienstag, 30. Januar 2007

Immer wenn ich...

...versuche, Kritik daran zu formulieren, wie wir unser Leben leben und wie wir darüber nachdenken, finde ich mich zwangsläufig in einer Strömung wieder, die auf ein apokalyptisches Szenario hintreibt. Es ist manchmal der billigste Ausweg aus einer theoretischen Unschlüssigkeit, immer wieder zu rufen: "Es ist fünf Minuten vor zwölf! Wacht auf!" und dabei zu wissen, dass sich daraus kein einziger brauchbarer Gedanke ableiten läßt. Sicherlich müßten wir ein Niveau erreichen, auf dem wir uns selbst und unsere Art zu denken gleichsam von außen betrachten. Aber wo das Rettende wächst, ist auch Gefahr.

Samstag, 27. Januar 2007

Verständnislos

Es gibt in mir eine Traurigkeit und ein Maß an Absonderung, von denen ich nicht weiß, woher sie stammen und wie ich sie angemessen beschreiben soll. Es ist auch die Traurigkeit darüber, dass ich das, was ich fühle, nicht mitteilen kann, obwohl alles in mir zur Mitteilung drängt. Sobald ich zu schreiben beginne, schmecken die Worte nach Verrat und Lüge. In den tiefsten Momenten, in denen ich wie ein Anfänger den Himmel unter meinen Füßen auszuloten beginne, diese unendliche Dunkelheit, kann es mir passieren, dass ich die Welt nur wie durch eine dünne Membran hindurch wahrnehme. Ich habe dann den Eindruck, alle Dinge um mich herum entschlüsseln zu können wie eine chiffrierte Botschaft, die nicht nur mich, sondern alle betrifft. Dass die Gewalt und alles Dämonische nur die Zeit bedeutet, die ich brauche, um sie lieben zu lernen und sie dadurch zu entkräften. Glück kann ich mir überhaupt nur in der Form der Befreiung und Erlösung vorstellen, in der Hingabe des Selbst an das Geistige.

Dienstag, 16. Januar 2007

Philopsychophisch

Als eine weitere Kränkung des modernen Menschseins wird neben der Evolutionstheorie Darwins gerne die Entdeckung Freuds angeführt, dass das Ich nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Freud hat nur einen Verdacht ausgesprochen, der seit Nietzsche schwefelig in der Luft lag - dass es nämlich nichts war mit dem vollmundigen Versprechen der Selbstbestimmung des Menschen, das die Aufklärung noch im rationalen Überschwang gegeben hatte. Doch während Nietzsche die Philosophie mit den Mitteln der Philosophie entlarven wollte (und dabei scheiterte), entlarvte Freud mit den Mitteln der modernen Theoriebildung jenes ominöse Ich, dessen geistige Klimmzüge noch Descartes als Beweise seiner Existenz genügt hatten. Allerdings kostete es ein nicht unbedeutendes Opfer, um diesen Weg ernsthaft weiterverfolgen zu können: er mußte die Einheit des Ich aufgeben, um seine Behandlungsmethoden auch theoretisch zu stützen. Anfangs fiel das nicht weiter ins Gewicht, da seine Erfolge legendär waren. Später aber schnappte die logische Falle um so härter zu: denn der Adressat war nicht mehr die personale Einheit, der man als Instanz Wahrhaftigkeit oder Lüge hätte zuschreiben können. Überall lauerten Manipulation und Täuschung, und keine Aussage des Patienten konnte verifiziert werden. Verständlich, dass Freuds Kulturschriften von einem düsteren Pessimismus getönt waren, was die menschliche Konstitution betraf. Damit konnte er zumindest halbwegs die Risse kitten, die die Kohärenz seiner Theorie bedrohten. Aber während die analytische Richtung der Psychologie unter dem pessimistischen Paradigma Freuds erblühte, war die therapeutische Richtung durchwegs optimistisch gestimmt. Für sie wurde der Mensch zu einem trainierbaren Objekt der Bemühungen im Namen der professionalisierten Nächstenliebe. Obwohl theoretisch wenig einheitlich (oder gerade deswegen?), feierte sie Triumphe ohnegleichen und hielt in alle Bereiche des alltäglichen Lebens Einzug. Sie passte sich wechselnden Interessenlagen so perfekt an, dass ihr kaum jemand widerstehen konnte. Das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit wurden durch sie zur niemals endenden Aufgabe. Daran, etwas zu sein, lag nichts, aber alles daran, etwas zu werden. Ein Beharren auf dem So-Sein provozierte aber rasch die paranoide und paralysierende Unterströmung, die ihren Optimismus wie die hysterische Randerscheinung eines umfassenden Rechtfertigungsdrucks erscheinen ließ: Warum willst du der bleiben, der du bist, wenn du doch ein ganz anderer werden kannst? Oder willst du mich mit deinem Beharren nur dazu bringen, dir zu einem Durchbruch in deiner Entwicklung zu verhelfen? Wer hier nicht bemerkte, dass der Grat zum Diabolischen schmal war, dem war nicht mehr zu helfen. Persönlichkeit und Charakter waren Hindernisse, die es zu überwinden galt. Im gleichen Maße, in dem die therapeutischen Angebote zunehmend zur Oberflächenkosmetik verkamen, verstärkte sich die innere Leere und Haltlosigkeit.

Sonntag, 14. Januar 2007

In den Sand geschriebene Briefe

Der Gedanke, dass ich definitiv eines Tages nicht mehr sein werde, läßt mich vor Schrecken erstarren. Ich kann diese Konfrontation mit meinem eigenen Tod nur einige wenige Minuten ertragen, bevor ich mich wieder abwende. Dennoch weiß ich nur dadurch, dass ich keine Zeit habe, um mein Leben nach den Vorstellungen anderer zu leben und damit zufrieden zu sein, die konventionellen Erwartungen zu erfüllen. Es erfordert nicht einmal besonderen Mut, es ist schlicht und einfach eine Notwendigkeit, der zu werden, der ich bin. Ich kann mich nicht abwählen. Auch wenn die Trauer über eine unerfüllte Liebe das Feuer der Verlockung gewöhnlicher Freuden im Keim erstickt. Auch wenn das Glück nur in der Parallelwelt der trügerischen Phantasie möglich ist. Ich kann meine Sehnsucht nur mit den Sternen und der Dunkelheit teilen, und ein gnädiges Schicksal wird meine in den Sand geschriebenen Briefe der Brandung übergeben. Keine Macht wird mein Versprechen aufheben, nicht einmal ich selbst. Es geht eben nicht kleiner - und als einziger Ausweg steht mir nur der Sarkasmus offen.

Samstag, 23. Dezember 2006

Unmögliche Küsse

Gustav Klimt: Der KussEs ist schon recht schwer, einen Kuss überhaupt zu beschreiben. "Sie lag in seinen starken Armen und sah ihn mit ihren hellblauen Augen verliebt an. Ihr langes, wallendes, blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Er beugte sich vor und küßte sie leidenschaftlich." Aber ist das realistisch? Küsse - einige davon sind möglich, aber unwahrscheinlich; andere unmöglich, wieder andere tatsächliche Realität. Wenn ich eine Frau küsse, dann bedeutet es zweierlei: Versprechen und Verheißung. Ein Versprechen, dass die Flüchtigkeit, wenn sich die Lippen berühren, wenn die Distanz zusammenschmilzt und sich auflöst, nicht flüchtig bleibt, sondern sich immer wieder vollzieht. Die Verheißung, dass mir der Kuss das Geheimnis enthüllt, das sich hinter der gegenseitigen Anziehung verbirgt, dass es nicht mehr viele Küsse braucht, um dieses Geheimnis zu erfahren, dass aber jeder Kuss tiefer in den verwirrenden und exotisch schönen Irrgarten der Liebe führt. Darin gleicht der Kuss der gerade aufgesprungenen Knospe einer Rose. Es ist alles vorhanden, aber vorerst nur zu erahnen. Wenn ich es greifen will, entzieht es sich mir. Ein unmöglicher Kuss ist daher einer, der eine Offenbarung sein will. Es gibt sicherlich schon genügend Argumente, warum unsere Vorstellungen von romantischer Liebe eine schöne Lüge sind. Nun, hier ist ein weiteres. Ein Kuss ist eben nicht der Höhepunkt und nicht das exhibitionistische Zurschaustellen von Gefühlen. Überhaupt nicht. Wenn das so wäre, könnten wir uns mit einem Kuss alles sagen. Und das wäre doch schade.

Mit diesem Text folgte ich übrigens dieser Einladung. Vielleicht will sich ja noch jemand daran beteiligen. (Bild: Ausschnitt aus Gustav Klimts "Der Kuss")

Dienstag, 19. Dezember 2006

Esoterik

Die Esoterik erfüllt zumindest eine wichtige Funktion: sie wirft eine Frage auf, mit der wir uns nur auseinandersetzen, wenn wir dazu gezwungen werden. Eine andere Herangehensweise als diejenige, die Frage einfach vom Tisch zu wischen, ist für uns kaum vorstellbar. Leider wird diese Wirkung durch einen schwerwiegenden Fehler neutralisiert: indem die Esoterik nämlich schnelle und leicht verdauliche Antworten liefert.

Dienstag, 12. Dezember 2006

Mein tatsächliches Alter

Ich bin nicht souverän genug, um hier oder anderswo bestehen zu können. Was anderen ein müdes Lächeln abringt, nimmt bei mir die Ausmaße einer Katastrophe an. Ich bin nicht cool und nicht lässig, sondern verkrampft und tiefschürfend. Was auch immer es ist, es fehlt mir das entscheidende Attribut, um akzeptiert zu werden. Aber auch das wird mir immer gleichgültiger; das ganze Leben ist ja die Geschichte des Mangels in Variationen. Daran merke ich, dass ich langsam altere. Es gibt immer weniger Wege, um mir gerecht zu werden. Und ich erlaube mir, aus meinen Beonbachtungen Rückschlüsse auf die Verfassung der Menschheit zu ziehen. Das stimmt mich alles andere als froh. Aber wer legt denn fest, dass Depression und Melancholie KEINE wünschenswerten Zustände sind? Auge in Auge mit der Wahrheit, die man fühlt (und es gibt keine andere, seien wir doch ehrlich), kann ich nur so bestehen. Und da sehe ich allererstes: mich selbst.

Dienstag, 5. Dezember 2006

Blech und Gold

Wenn jemandem jahrelang eingeredet wurde, das Blech, das er bekommt, sei wertvolles Gold, und er es mangels besseren Wissens glaubte - wer würde ihm einen Vorwurf machen? Wenn derjenige aber mit echtem Gold in Berührung käme, würde das Blech jeden Wert für ihn verlieren. Zwangsläufig würde er danach aber auch mit jenen Probleme bekommen, die mit Blech vor seiner Nase herumwedeln und darauf warten, dass er so wie früher Interesse an ihrem Blech zeigt.

Donnerstag, 16. November 2006

Vorlieben

Und so wie dem einen alles zu einem kleinen schmutzigen Geheimnis und zu Anzüglichkeiten gerinnt, so wird dem anderen alles zu einer subtilen Anmerkung über die letzen Dinge und Gründe. Ich glaube, dass es hier durchaus so etwas wie einen Denkzwang gibt. Es ist dies die Unfähigkeit, sich in anderen als den eingeschliffenen Bahnen zu bewegen. Gerade diese Unfähigkeit kann - wie bei allen anderen Tätigkeiten - mittelmäßig, läppisch, aber auch brilliant und genial ausfallen. Der manische Treibstoff dafür ist die ungebrochene, verzweifelte Gewissheit, dass keine andere Wahrheit zur Verfügung steht als eben die eigene.

Rauschen

Schöne Initiative in Annweiler am Trifels.
Via David kommt dieser Hinweis auf einen Gebetstag...
ElsaLaska - 23. November, 20:33
Maulkorb von links
Der klassische Maulkorb von rechts benutzt ja Paulus...
ElsaLaska - 23. November, 19:57
vergelesen
beim Stöbern in den reduzierten Restexemplaren...
zuckerwattewolkenmond - 23. November, 19:29
Tja. Jetzt habe
ich mir also die letzten Tage Prime suspect, die Complete...
Anobella - 23. November, 19:06
Max Frisch
Ich lese zwischendurch immer wieder gern in den gesammelten...
Frau Schaaf - 23. November, 15:16
Traumsplitter
Windgrün Ein scharfer Wind bläst und mir...
zuckerwattewolkenmond - 23. November, 11:03
Aua, schreit der Bauer!
Gestern Abend auf dem Weg vom Auto zur Wohnung bin...
Frau Schaaf - 23. November, 10:26
I could say bella, bella, even say wunderbar
zuckerwattewolkenmond - 22. November, 22:08

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