Astronauten
Als Kind hatte ich einen schlimmen Alptraum, der mich schreiend aufwachen ließ. Ich besaß damals ein Kinderbuch über Astronomie und Raumfahrt, das zu meiner Lieblingslektüre gehörte und das ich hütete wie einen Schatz. Die Umschlagseiten waren mit dem wiederkehrenden Motiv eines schwerelos im schwarzen All schwebenden Astronauten bedruckt, dessen Gesicht von einem schwarzen Visier vollständig verdeckt wurde. Genau darauf nahm auch mein Traum Bezug: ich sah zwei Astronauten, die schwerelos auf einem Feld, das ganz nahe bei meinem Heimatdorf lag, auf eine Eisenbahnschranke zuhüpften. Eine Stimme aus dem Off kommentierte das Geschehen mit den Worten: "Mein Gott, die gibt es ja auch noch!", und genau in diesem Augenblick wurde mir klar, dass es sich nicht um Menschen handelte, die in den Raumanzügen steckten, sondern um Außerirdische. Dieser Gedanke jagte mir eine unbeschreibliche Panik ein, da niemand ihr Gesicht sehen konnte und nur ich wußte, dass der Raumanzug nur eine Tarnung war, um die Zuschauer zu täuschen. Unendlich langsam bewegten sich die Astronauten auf die Schranke zu, und es schien mir, als würden sie sich dort endgültig zu erkennen geben. Die Spannung und auch die unheimliche Stille dieser Szene waren an der Grenze des Erträglichen und entluden sich schließlich in einem Schrei.
WilderKaiser - 4. Februar, 01:09 in: Zeitlinien des Alltags