In den Sand geschriebene Briefe

Der Gedanke, dass ich definitiv eines Tages nicht mehr sein werde, läßt mich vor Schrecken erstarren. Ich kann diese Konfrontation mit meinem eigenen Tod nur einige wenige Minuten ertragen, bevor ich mich wieder abwende. Dennoch weiß ich nur dadurch, dass ich keine Zeit habe, um mein Leben nach den Vorstellungen anderer zu leben und damit zufrieden zu sein, die konventionellen Erwartungen zu erfüllen. Es erfordert nicht einmal besonderen Mut, es ist schlicht und einfach eine Notwendigkeit, der zu werden, der ich bin. Ich kann mich nicht abwählen. Auch wenn die Trauer über eine unerfüllte Liebe das Feuer der Verlockung gewöhnlicher Freuden im Keim erstickt. Auch wenn das Glück nur in der Parallelwelt der trügerischen Phantasie möglich ist. Ich kann meine Sehnsucht nur mit den Sternen und der Dunkelheit teilen, und ein gnädiges Schicksal wird meine in den Sand geschriebenen Briefe der Brandung übergeben. Keine Macht wird mein Versprechen aufheben, nicht einmal ich selbst. Es geht eben nicht kleiner - und als einziger Ausweg steht mir nur der Sarkasmus offen.
rosenlippenmaedchen - 14. Januar, 00:53

naja gut, wer will sich schon abwählen?

WilderKaiser - 14. Januar, 00:57

Ach, manchmal hätte ich schon Lust, ein anderer zu sein. In anderen Umständen geboren worden zu sein. Woanders zu leben. Du nicht? Aber es ist faszinierend zu sehen, wie weit wir unserer eigenen Vergangenheit eigentlich entfliehen können. Nämlich überhaupt nicht. Und das verbuchen wir dann als Erfahrung. LG, WilderKaiser
rosenlippenmaedchen - 14. Januar, 01:04

hmmm. jetzt muss ich mal scharf überlegen, dass man mich nicht dabei ertappt, etwas zu sagen, das nicht der wahrheit entspricht. was nützt es schon, dieses leben abzuwählen und eines mit anderen umständen zu erwählen? macht das sinn? bringt mich das voran? nein, nein, ich will nicht hier aussteigen und in ein anderes einsteigen. das hieße ja womöglich, mich an neue schmerzen zu gewöhnen. an die alten bin ich gewöhnt, das ist schon okay, wie es ist.

NATÜRLICH ist es verlockend. aber es ändert nichts. ohne rückfahrschein, einfach geradeaus weiter. und im übrigen bin ich anscheinend in der überaus glücklichen lage, dieses leben zu mögen. oder ich bin einfach nur dumm. das ist die andere möglichkeit. durchaus auch... interessant.
WilderKaiser - 14. Januar, 01:14

Und so sondieren wir unsere Möglichkeiten. Wir sind ja Wesen, die ihre Möglichkeiten nie voll ausgeschöpft haben. Wie schrieb schon der alte Herr Geheimrat am Ende des "Faust": "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Ach, das war doch eine hübsche Huldigung an die eigene Angst. Dummheit und Intelligenz sind hier unerheblich, und zwar einfach deswegen, weil sich das Leben und auch der Tod damit nicht beeindrucken lassen.
rosenlippenmaedchen - 14. Januar, 01:23

man kann sich auch einfach so tief da drin vergraben, dass gar nichts mehr geht und argumente nur abprallen. glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, ich kenne das. aber das magst du nicht hören, dass menschen etwas mit sich herumtragen und sagen "geht doch wunderbar". und genau das tue ich hiermit. ich stelle mich hierhin, ich gebe zu, da ist einiges schief gelaufen, und das rast noch immer, und trotzdem: da ist viel zu viel weißes papier, das ich mit besseren geschichten beschreiben kann.
WilderKaiser - 14. Januar, 02:02

Ja, ich gestehe dir das doch in vollem Umfang zu. Du siehst es so, wie du es siehst, du hast deine Gründe dafür, und das ist vollkommen in Ordnung. Nur weil ich oder du es jeweils etwas anders betrachten, heißt das noch lange nicht, dass einer von uns beiden falsch liegt. Und es liegt mir fern, etwas anzudeuten oder auf etwas anzuspielen. Ich glaube, niemand ist hier gezwungen, seine Abgründe vor anderen auszubreiten, wiewohl es auch kein Geheimnis sein dürfte, dass jeder seine inneren Kämpfe ausfechten muss. Nein, ich spreche in der Regel nur von mir und wenn ich gelegentlich ein wenig ironisch und anspielungsreich bin, dann gilt es meiner eigenen Person.
ElsaLaska - 14. Januar, 00:56

Derselbe Gedanke

läßt mich jeden Tag stöhnend erwachen.
Es gibt aber noch mehr Auswege - versuch es doch mal mit Lyrik oder hellem Zorn.

WilderKaiser - 14. Januar, 01:01

Lyrik ist gut, Zorn auch - erst letztens schmiss ich in heftiger Wut einen Tetrapak Schokomilch auf den Boden, von wo aus die braune Flüssigkeit interessante Muster auf die Rauhfasertapete zauberte. Das war eine Sauerei, aber ich fühlte mich besser danach. :-) Aber gegen den Tod kommst einfach nicht an, da kannst du brüllen, wie du willst, der ist taub, das wissen wir doch.
ElsaLaska - 14. Januar, 01:49

Bruder Tod, hat mein neuer Liebling Franziskus ihn genannt.
Und im Sterben noch gedichtet.
Und außerdem sind wir ja noch nicht tot.
Und wenn schon - Millionen vor uns habens schließlich auch überlebt.
;)
WilderKaiser - 14. Januar, 02:11

Bruder Tod - das Menschheitspathos war ihm offensichtlich völlig fremd, wie der Sonnengesang beweist. Ich bewundere Franziskus dafür, dass er sich bewußt aus allen sozialen Bindungen verabschiedete, um seiner Vision zu folgen. So radikal wie er könnte ich das vermutlich nicht.
ElsaLaska - 14. Januar, 02:20

Es geht ja auch nicht um Radikalität, sondern um Inspiration.
(Abgesehen davon, dass Franzl das bestimmt nicht als radikal empfunden hatte)
DonParrot - 15. Januar, 11:06

Ach Herr Gipfelstürmer...

Love the life you live
Live the life you love.

It's the only one you've got.

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