Unmögliche Küsse
Es ist schon recht schwer, einen Kuss überhaupt zu beschreiben. "Sie lag in seinen starken Armen und sah ihn mit ihren hellblauen Augen verliebt an. Ihr langes, wallendes, blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Er beugte sich vor und küßte sie leidenschaftlich." Aber ist das realistisch? Küsse - einige davon sind möglich, aber unwahrscheinlich; andere unmöglich, wieder andere tatsächliche Realität. Wenn ich eine Frau küsse, dann bedeutet es zweierlei: Versprechen und Verheißung. Ein Versprechen, dass die Flüchtigkeit, wenn sich die Lippen berühren, wenn die Distanz zusammenschmilzt und sich auflöst, nicht flüchtig bleibt, sondern sich immer wieder vollzieht. Die Verheißung, dass mir der Kuss das Geheimnis enthüllt, das sich hinter der gegenseitigen Anziehung verbirgt, dass es nicht mehr viele Küsse braucht, um dieses Geheimnis zu erfahren, dass aber jeder Kuss tiefer in den verwirrenden und exotisch schönen Irrgarten der Liebe führt. Darin gleicht der Kuss der gerade aufgesprungenen Knospe einer Rose. Es ist alles vorhanden, aber vorerst nur zu erahnen. Wenn ich es greifen will, entzieht es sich mir. Ein unmöglicher Kuss ist daher einer, der eine Offenbarung sein will. Es gibt sicherlich schon genügend Argumente, warum unsere Vorstellungen von romantischer Liebe eine schöne Lüge sind. Nun, hier ist ein weiteres. Ein Kuss ist eben nicht der Höhepunkt und nicht das exhibitionistische Zurschaustellen von Gefühlen. Überhaupt nicht. Wenn das so wäre, könnten wir uns mit einem Kuss alles sagen. Und das wäre doch schade.Mit diesem Text folgte ich übrigens dieser Einladung. Vielleicht will sich ja noch jemand daran beteiligen. (Bild: Ausschnitt aus Gustav Klimts "Der Kuss")
WilderKaiser - 23. Dezember, 13:04 in: Ansichten und Einsichten