Ich will nur den Sound hören...

...darum tippe ich einfach ab, was ich heute im Zug geschrieben habe. Danach war mir nicht mehr nach Schreiben zumute, da ich eingehend die langen, hübschen Wimpern meiner Mitfahrerin mit pechschwarzen Haaren studierte, die direkt vor mir saß und sich schlafend stellte. Leider stieg sie nicht, wie ich, in Regensburg aus. Wenn ich mich getraut hätte, hätte ich sie sogar zum Kaffee eingeladen. Hier also der Text:

Gol. Als Gol, die letzte der blühenden Städte in der Ebene, fast vollständig menschenleer war, hatte Barija nur noch eine minimale Chance, zu überleben. Die Häuser, die im weitaus größten Teil der Stadt jenseits des Flusses Morichi lagen, waren entweder planiert oder gesprengt worden. Der Effekt dieser Maßnahme war, dass sich das todbringende Virus mit dem feinen Staub über die ganze Stadt verteilte. Die Krematorien bewältigten nur einen Bruchteil der Leichenberge, die die wenigen noch im Einsatz befindlichen Lastwagen vor den grauen Gebäuden anhäuften. Dann standen auch sie still. Ab und zu huschten nur noch Ratten über die vom weißen Staub weiß gepuderten Plätze, die nicht zerstört worden waren, und stießen überall auf reglose menschliche Körper.

Barija war einer der Arbeiter, die in die Minen vor den Toren der Stadt abkommandiert worden waren. Eines Tages kehrten seine Arbeitsgenossen nicht von einem Besuch in der Stadt zurück, und da es niemanden gab, der ihn telefonisch über die Lage in der Stadt informierte oder ihn zur Arbeit anhielt, richtete er sich vorübergehend in der Kabine des Schichtführers ein, einem kleinen, verglasten Bretterverschlag, in dem der Schichtführer seine Unterlagen und Werkzeuge aufbewahrte. Seine Petroleumvorräte reichten aus, um den dunklen, engen Raum ein paar Tage lang zu beleuchten, und Wasser und Verpflegung war ebenfalls reichlich vorhanden. Er drehte ab und zu das knarzende Radio auf, das aber nur rauschte und sonst kaum Töne ausspuckte. Er glaubte, irgendwelche ferne Stimmen herauszuhören, aber wenn er aus der Kabine trat und in die Stollen lauschte, hörte er auch ein feines Schaben und Kratzen, das nur vom Gesang seines Blutes in seinen Ohren kommen konnte. Als die Wasservorräte allmählich zur Neige gingen, wußte er ganz klar und deutlich, dass sein altes Leben zu Ende war. Er fuhr mit dem Aufzug nach oben, an die Erdoberfläche. Das fahle Licht der untergehenden Sonne blendete ihn, als er sich eine Zigarette anzündete.

Es hatte sich etwas angekündigt, schon lange vorher, das nicht nach einer Katastrophe, aber sehr wohl nach einem bitteren Verhängnis schmeckte. Was als Betriebsunfall lange unentdeckt geblieben war, entwickelte sich zu einer rasch anschwellenden Woge des Grauens, die nach und nach alle Teile des Landes erfasste. Überall bot sich das gleiche Bild aus untätiger Resignation und aufflackernder Panik, die vom Leichentuch des rasch eintretenden Todes erstickt wurde, bevor sie sich zur hell lodernden Flamme entfalten konnte. Armeen wurden aufgeboten und unzählige Landstriche verwüstet, um die Seuche von den eigenen Grenzen fern zu halten: allein, es war vergeblich. Der Erreger war ein Meister in der Kunst der Verwandlung und widerstand allen unbeholfenen Versuchen, seine furiose und durchschlagende Wirkung zu neutralisieren. Die Produktion der Arzneimittel kam alsbald zum Erliegen, da viele die Medikamente wahllos und in großen Dosen konsumierten. Die Folge war abzusehen: die meisten verendeten qualvoll nicht wegen der Seuche, sondern aufgrund der von ihnen selbst zusammengestellten Medikation.

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