Hexenküche
Irina war eine gute Schauspielerin. Kaum hatte ich die Türe hinter ihr geschlossen, war sie wieder völlig nüchtern. Wir gingen in die Küche, in der im Halbdunkel leise eine Zentrifuge brummte. Irina blickte mich erstaunt an. "Du hast ja ohne mich angefangen!" "Pscht!" Ich legte ihr meinen Zeigfinger auf die Lippen, öffnete einen kleinen Edelstahlschrank, der auf der Anrichte stand, und zog einen gräulichen Block hervor, der in Plastikfolie eingewickelt war. "Und was ist das? Bestes Material, von Wasilji persönlich über die Grenze geschafft!", sagte ich mit einem triumphierenden Unterton. Irinas Augen leuchteten. "Fein! Gib mir das Messer!" Emsig schaufelten wir die Krümel, die wir vom Block abgeschälten, in kleine Probenröhrchen und gossen sie mit einer Trägerflüssigkeit auf. Irina seufzte leicht und lehnte sich an meine Schulter, als wir gemeinsam die Zentrifuge betrachteten, die vor sich hinschnurrte. "Was hast du nun vor?" "Da dein Träger nach unten gerutscht ist, habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: entweder ich ziehe ihn wieder hoch, oder ich ziehe ihn noch weiter nach unten." "James, du alter Schwerenöter. Wir sind fast am Ziel angelangt und sollten uns auf unseren Plan konzentrieren." Das grelle Telefonklingeln riss uns aus unseren Träumen. "Ja, was ist?", bellte ich in das Telefon. "Home & Garden Security. Spreche ich mit Herrn..." Eine professionell freundliche Männerstimme nuschelte etwas in den Telefonhörer. Es dauerte mehrere Sekunden, bis ich begriff. Ich hatte ja heute doch noch diesen Headhunter angerufen, der mir schon nach einem kurzen Gespräch einige gute Stellenangebote versprochen hatte. Der Anruf kam sehr unpassend. Aus den Augenwinkeln schielte ich nach Irina. "Kann ich Sie, äh, morgen, wieder - Sie wissen schon." Dann, etwas lauter: "Nein, da müssen Sie sich verwählt haben!" Ich legte auf. Ich ging zu Irina, die immer noch in den Anblick der Zentrifuge versunken war, und streichelte, hinter ihr stehend, mechanisch ihre Oberarme.
WilderKaiser - 4. Februar, 02:10 in: Contest