Mozart und Gould

Wer wissen will, wie echt die verzehrende Flamme des Mozarthasses klingen kann, sollte sich die Einspielungen der Klavierkonzerte Mozarts mit Glenn Gould anhören. Glenn Goulds Interpretation des "Wohltemperierten Klaviers" von Bach zum Beispiel ist zum Niederknien, ein lyrisch-intellektueller, herber Genuss, aber die Klavierkonzerte Mozarts verzerrt er extrem und karikiert ihren Gestus, indem er die Tempi völlig unabhängig von Mozarts Vorgaben wählt und kaum von seinem Non-Legato-Spiel abweicht. Das erinnert mich an das griechische Schauspiel - wurde in der Tragödie die conditio humana so dargestellt, dass sie an die Sphäre des Göttlichen angrenzte (so dass in der Tragödie also metaphysische Fragen abgehandelt wurden), so folgte als Erleichterung und Ventil die Parodie, die vom meckernden Gelächter des Pan über die Unbeholfenheit des Menschen durchzogen war. Das literarische Porträt des Exzentrikers Gould lieferte Thomas Bernhard in seinem Buch "Der Untergeher", einem schmalen, aber äußerst lesenswerten Roman, der sich, thematisch passend, mit der Frage des menschlichen Scheiterns befasst.
anatomia - 28. Januar, 12:14

oohh!! Ich finde Glenn Gould klasse! Ich hab eine CD von ihm. Hat mir mal mein Musiklehrer in der Maturaklasse geschenkt. echt toll. Und anschließend hab ich auf 3sat mal eine Reportage über ihn gesehen. Der ist echt freakig der Typ. Aber gefällt mir gut!

WilderKaiser - 28. Januar, 12:20

Ich liebe Gould,

und ich kann von seinem Standpunkt aus seinen Mozarthass mehr als nachvollziehen. Ich selbst stehe ja Mozart eher neutral gegenüber. Vom klassischen Dreigestirn Haydn-Mozart-Beethoven zieht mich Beethoven am meisten an - aber das nur so nebenbei. Glenn Gould selbst tanzte, glaube ich, sein ganzes Leben lang auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und Wahnsinn. LG, WilderKaiser
Xchen - 28. Januar, 18:55

Auf diesem Grat tanzen alle Genies!
sopran (anonym) - 28. Januar, 21:26

Untergeher natürlich Klasse, Bernhard für Einsteiger.

Im WDR hatten sie am Montag Mozart-Wunschkonzert, viele Hörer hatten die Sonate KV 331 gewünscht - mit Begründungen wie "damals 45 als alles kaputt war, nur das Klavier..." - dass die Gould-Interpretation ausgewählt wurde war ein Schlag ins Gesicht dieser Leute, die mit der Musik wirklich etwas verbinen.
Den Mozarthass kann ich nach dieser Radiowoche (gebt mir Brahms, gebt mir Mahler, gebt mir Berg) fast schon teilen, aber hätte Gould ihn dann nicht einfach ignorieren können?

WilderKaiser - 28. Januar, 22:49

Offensichtlich nicht -

obwohl ich bezweifle, dass die Klaviersonaten mehr für ihn waren als Material zum "Zerspielen". Möglicherweise fühlte er sich durch Mozarts Musik persönlich gekränkt. Das spricht aber mehr für Mozart als für Gould. Viele Grüße, WilderKaiser

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