Mein schlimmster Traum war eindeutig derjenige, in dem mir der Teufel als roter Affe in einem Käfig begegnete, der im Seitenschiff einer Kirche stand. Daran schloss sich die falsche Hochzeit mit der falschen Person an, die mit mir gemeinsam das Grab meiner Großeltern väterlicherseits besuchte. Seltsamerweise treffe ich den Teufel im Traum immer in den Räumen einer großen, alten Kirche. Leere, dunkle Kirchen jagen mir auch in der Realität einen unwillkürlichen Schrecken ein.
Allenthalben wird der Verfall der Werte beklagt. Vielen erscheint er wie ein unabänderliches Fatum, das sich wie der rote Faden der Orientierungslosigkeit tief in die Biographie gegraben hat. Und dennoch ist eher das Gegenteil der Fall: ein bunter Strauß von Werten wird angeboten und auch gelebt. Das glauben Sie nicht? Nun, Werte vereinfachen unser Leben ungemein. Es gibt immer ein Richtig und Falsch, und das Überangebot an Werten soll eher zu einem Leben mit möglichst großer Entscheidungsfreiheit verführen. Ja, richtig, Entscheidungsfreiheit, nämlich Freiheit von jeglicher Entscheidung. So bleiben wir dem Konsens treu und verraten unser Leben. Wirklich integriert kann ja ein Wert nur werden, wenn wir für ihn Stellung beziehen und ihn verteidigen müssen, auch auf die Gefahr plötzlicher Vereinzelung hin. Dann erst kann der Wert als persönlich beglaubigt und authentifiziert gelten. Völlig unscheinbar ist jedoch die weitaus größere, weil so diffuse und schwer zu fassende Gefahr, die durch die Inflation der Werte droht. Der schleichende Prozess weist durchaus Parallelen zu jenen wirtschaftlichen Vorgängen auf, die gemeinhin als Inflation bezeichnet werden: da die Gegenleistung zur kleinen Münze einem ständigen Schwund unterliegt, geht man eines Tages dazu über, nur noch mit bunt bedruckten Scheinen zu bezahlen, die irreale Zahlen ausweisen. Man überbietet sich gegenseitig auf dem Basar der Werte und hofft, die passende Staffage der Persönlichkeit mit Hilfe der Regeln des überhitzten Marktes zu finden.
Mehrere Dinge sind daran bemerkenswert: Authentizität avanciert von einem ästhetischen zu einem ethischen Kriterium. Diese Verschiebung der philosophischen Disziplinen begann ja schon mit der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, die Leibniz noch so wunderbar verbohrt zugunsten von Gott entschieden hatte. Der Untersuchungshäftling konnte jedoch nur einen kurzen Aufschub in Anspruch nehmen, war er doch der Amoralität angeklagt, ein Vergehen, das sich die als unbestechlicher Richter inthronisierte Vernunft nicht bieten lassen konnte. Die Metaphyik wird in der Theodizeefrage plötzlich mit den Folterwerkzeugen der Ethik traktiert. Insofern war es mehr als folgerichtig, dass der Angriff Nietzsches auf die scheinheilige Moral des Bürgertums wenig später ironischerweise ihrem emblematischen Stellvertreter, einem Papiergott, an den niemand mehr ernsthaft glauben wollte, galt. "Gott ist tot!" ist der Ausgangspunkt für die Erforschung einer neuen, einer Ersatzmoral, und nur eine in Worte gekleidete Wahrheit, an der sich niemand mehr stoßen konnte, obwohl sich tatsächlich noch viele daran stießen. Für Nietzsche gewann die Ästhetik eine überragende Bedeutung im Kampf gegen die ethische Pressnormierung der bürgerlichen Seele. Die Katastrophe war absehbar, sie lag in der Entfesselung des Willens, aber es war gewissermaßen eine elitäre Katastrophe, die ihre demokratische und soziologische Aufklärung noch nicht hinter sich gebracht hatte. Ihre Auswirkungen waren jedoch so gewaltig, dass sie Millionen Menschen mit in ihren Schlund zog.