Smarf ist ein hochgelobter junger Autor, der aus seiner jahrelangen freiberuflichen Tätigkeit als Berater schöpfen konnte und uns Lesern nun seinen mit Spannung erwarteten Erstling vorlegt.
"Heiterkeit und Melancholie" heißt das Werk, und die Protagonisten Michael und Merle sind mit einer solchen schmerzhaften und hellen Durchsichtigkeit gezeichnet, dass man manchmal einfach das Buch zur Seite legen und ein wenig träumen möchte. Pointiert und gekonnt führt uns Smarf in die Hölle der orgiastischen Swingerclubs, in denen sich während der Kohl- und Schröder-Ära eine entpolitisierte Sexualität Bahn brach und die gesellschaftliche Lethargie vergessen ließ. In dieses Bacchanal verpflanzt Smarf die Geschichte einer Liebe, die, anfänglich von Mißtrauen geprägt, zögerlich erblüht und in den letzten Kapiteln mit einem unvergleichlichen Furor auf die Katastrophe zusteuert. Im krassen Gegensatz dazu stehen die kontrastierenden Kapitel, die Michaels innere Verfassung während seiner Geschäftsreisen wiedergeben. Die äußere Welt ist grau, trist und trostlos. Michael empfindet sich immer mehr von dem geheimen Zentrum der Lust angezogen, das die von ihm besuchten Swinger-Clubs für ihn darstellen. Seine innere Zerrissenheit kommt am deutlichsten zum Vorschein, als er "wie ein Hund" vor der Besitzerin eines Swinger-Clubs im Dreck liegt und um Einlass bettelt, während Merle, bereits eingelassen, im Hochsteigen der Treppen auf Michael deutet und sich über seine desperate Lage zu amüsieren scheint. Die Schlüsselszene ist wohl diejenige, in der Michael, vom Akt mit einer gesichtslosen Partnerin gelangweilt, den Rücken Merles, die neben ihm auf dem Bauch liegt, mit faszinierenden Vergleichen beschreibt und ihn förmlich in den Sog seiner Sprache zu verschlingen scheint. Erst Merles Verschwinden rüttelt Michael auf und zwingt ihn, sich auf die Suche nach seiner Liebe zu begeben. "Heiterkeit und Melancholie" ist kein leicht verdaulicher Roman, der mit einem Augenzwinkern und einem Schuss Ironie den Irrsinn menschlicher Schicksale versüßt. Denn auch die deftigsten erotischen Szenen stehen für etwas anderes und sind ein Symbol für die Suche nach der eigenen Bestimmung.
WilderKaiser - 16. Januar, 22:27 in:
Zwischenrufe
Als eine weitere Kränkung des modernen Menschseins wird neben der Evolutionstheorie Darwins gerne die Entdeckung Freuds angeführt, dass das Ich nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Freud hat nur einen Verdacht ausgesprochen, der seit Nietzsche schwefelig in der Luft lag - dass es nämlich nichts war mit dem vollmundigen Versprechen der Selbstbestimmung des Menschen, das die Aufklärung noch im rationalen Überschwang gegeben hatte. Doch während Nietzsche die Philosophie mit den Mitteln der Philosophie entlarven wollte (und dabei scheiterte), entlarvte Freud mit den Mitteln der modernen Theoriebildung jenes ominöse Ich, dessen geistige Klimmzüge noch Descartes als Beweise seiner Existenz genügt hatten. Allerdings kostete es ein nicht unbedeutendes Opfer, um diesen Weg ernsthaft weiterverfolgen zu können: er mußte die Einheit des Ich aufgeben, um seine Behandlungsmethoden auch theoretisch zu stützen. Anfangs fiel das nicht weiter ins Gewicht, da seine Erfolge legendär waren. Später aber schnappte die logische Falle um so härter zu: denn der Adressat war nicht mehr die personale Einheit, der man als Instanz Wahrhaftigkeit oder Lüge hätte zuschreiben können. Überall lauerten Manipulation und Täuschung, und keine Aussage des Patienten konnte verifiziert werden. Verständlich, dass Freuds Kulturschriften von einem düsteren Pessimismus getönt waren, was die menschliche Konstitution betraf. Damit konnte er zumindest halbwegs die Risse kitten, die die Kohärenz seiner Theorie bedrohten. Aber während die analytische Richtung der Psychologie unter dem pessimistischen Paradigma Freuds erblühte, war die therapeutische Richtung durchwegs optimistisch gestimmt. Für sie wurde der Mensch zu einem trainierbaren Objekt der Bemühungen im Namen der professionalisierten Nächstenliebe. Obwohl theoretisch wenig einheitlich (oder gerade deswegen?), feierte sie Triumphe ohnegleichen und hielt in alle Bereiche des alltäglichen Lebens Einzug. Sie passte sich wechselnden Interessenlagen so perfekt an, dass ihr kaum jemand widerstehen konnte. Das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit wurden durch sie zur niemals endenden Aufgabe. Daran, etwas zu sein, lag nichts, aber alles daran, etwas zu werden. Ein Beharren auf dem So-Sein provozierte aber rasch die paranoide und paralysierende Unterströmung, die ihren Optimismus wie die hysterische Randerscheinung eines umfassenden Rechtfertigungsdrucks erscheinen ließ: Warum willst du der bleiben, der du bist, wenn du doch ein ganz anderer werden kannst? Oder willst du mich mit deinem Beharren nur dazu bringen, dir zu einem Durchbruch in deiner Entwicklung zu verhelfen? Wer hier nicht bemerkte, dass der Grat zum Diabolischen schmal war, dem war nicht mehr zu helfen. Persönlichkeit und Charakter waren Hindernisse, die es zu überwinden galt. Im gleichen Maße, in dem die therapeutischen Angebote zunehmend zur Oberflächenkosmetik verkamen, verstärkte sich die innere Leere und Haltlosigkeit.