Dialog III
"Weißt du, Tom, was ich ihnen zum Vorwurf mache? Dass sie keine eigenständigen Wesen sind. Sie spüren nur den - ja, fast kindlichen, fast reflexhaften Wunsch, zu verschmelzen und sich selbst auszulöschen, unsichtbar zu werden und sich hinter einer Fassade einzurichten, voller Angst und versteckter Feindeligkeit. Sie hassen es, im Rampenlicht zu stehen, etwas zu sein, das sich nicht mit dem allgemeinen common sense begründen läßt und sie vielleicht der Kritik aussetzt. Aber - " und an dieser Stelle rückte er seine Brille zurecht und starrte wieder auf den Monitor - "ich verurteile sie auch nicht, nein, warum, jeder fühlt doch dasselbe, und wer dieses Gefühl verleugnet, ist eigentlich kein Mensch. Doch dadurch, dass sie es aus Furcht und nicht aus Liebe tun, gerät ihnen ihr Leben zu einem Katastrophenszenario, in das sie andere mit hineinreißen, je mehr, desto besser. Denn immer, wenn sie kurz davor stehen, ihre Vernunft oder das, was sie dafür halten, über Bord zu werfen, quäkt in ihnen ihr ständig unbefriedigtes Ego und hält sie wieder zurück. Verständlich, dass jedes Quäntchen Macht auf sie eine ähnliche Wirkung entfaltet wie ein Tropfen Alkohol bei einem Alkoholiker, der seit 20 Jahren nichts mehr getrunken hat." "Es ist sehr einfach, sich so erhaben zu fühlen wie du. Brauchst du diese intellektuelle Bestätigung, damit du in deinen Augen nicht gar so mickrig erscheinst?" "Ach, Tom. Es ist eigentlich ganz einfach...aber wer sich verletzt fühlt, kann natürlich nicht zuhören. Er drückt an der schwärenden Wunde seiner Eitelkeit herum."
aus Arne Beldt: Der Glücksautomat
aus Arne Beldt: Der Glücksautomat
WilderKaiser - 22. November, 20:59 in: Das Leuchten der blauen Blume