Etüde
Johnny bewegte sich flink zum Fenster und blickte in den dort angebrachten Außenspiegel, auf dem er sofort sah, wer vor der Türe stand. "Da ist niemand", sagte er leise. "Soll ich mal nachsehen?", fragte Kollmer, der immer noch in die Skizze des Menschenopfers vertieft war. "Ja, geh doch mal kurz nach unten. Vielleicht findet ja nur jemand den Weg zu einem Nachbarn nicht." Kollmer konnte sich nur schwer von der Zeichnung losreißen. Er entfernte sich, den Blick immer noch auf das Blatt Papier geheftet, fast in einer Rückwärtsbewegung. Als er in das Treppenhaus trat, bemerkte aus den Augenwinkeln, wie jemand mit einer schnellen Bewegung weghuschte, aber als er nach unten stieg, war derjenige wie vom Erdboden verschluckt. Er überprüfte jede Nische und stand schließlich im Erdgeschoss, in dem es leicht nach scharfen Reinigungsmitteln roch. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Oben hörte er eine Tür knarren. Johnny würde schon ungeduldig auf ihn warten. Er seufzte und öffnete die Tür zur Straße, als er seine neue Kollegin mit wehenden Haaren und wild gestikulierend auf sich zulaufen sah. "Schnell!", rief sie atemlos. "Sie? Was machen Sie hier?" "Kollmer, Sie sind ein ausgemachter Trottel, entschuldigen Sie!" Erst jetzt begriff er. "Johnny!", brüllte er. Er stürmte wieder die Treppen hoch, hinter sich seine neue Kollegin, und warf sich mit voller Wucht gegen die geschlossene Tür, die zu Johnnys Wohnung führte. Sie gab ächzend nach und brach in der Mitte. Die Unterlagen, die ihm Johnny gezeigt hatte, waren verschwunden. Die Wohnung hatte sich innerhalb von wenigen Minuten in ein unübersichtliches Chaos verwandelt. Bücherregale waren umgeworfen, Schubladen hastig geöffnet und deren Inhalt auf dem Boden verteilt worden. In der Mitte des Wohnzimmers stand Johnnys leerer Rollstuhl. Sein regloser Körper lehnte blutüberströmt am Tisch, an dem zuvor Kollmer zusammen mit ihm gesessen hatte. "Johnny! Nein!" Er stürzte auf ihn zu, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch. "Wach auf, verdammt noch mal. Wir brauchen sofort einen Notarzt..." Die Situation entglitt ihm vollkommen. "Kollmer, lassen Sie. Sie sehen doch..." "Nein, nein, nein!", rief er und hieb mit der flachen Hand so heftig auf den Glastisch, dass an einer Ecke ein Stück absplitterte. "Wo ist er? Er kann doch nicht schon weg sein?" Kollmer riss seine Waffe aus dem Halfter und wollte schon davonrennen, als ihm seine neue Kollegin einen plötzlichen und heftigen Stoß gegen seinen Solarplexus verpasste, der ihn wimmernd zusammenknicken ließ. "Tut mir leid, aber Sie drehen durch, Kollmer. Nichts davon wird später im Protokoll erscheinen, das kann ich Ihnen versichern. Aber jetzt haben wir bereits drei Leichen und sind noch keinen Schritt weiter gekommen!" Kollmer verdrehte seine glasigen Augen, bevor ihm endgültig schlecht wurde.
WilderKaiser - 4. November, 21:54 in: Eisige Kälte