Die Brasilianer sind müde,
sie zaubern längst schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Beine,
und ihre Räume sind längst leer.
Jedoch die Franzosen kommen weiter,
sie sind so stark wie nie vorher;
und ihre Brust wird immer breiter
und täglich noch ein bißchen mehr.
Allez les bleus, wir sehen uns im Finale!
nach dem Liedtext Die weißen Tauben sind müde von Christoph Busse/Hans Hartz
Debers war kein seriöser Schachspieler, der die taktischen Positionen seiner Figuren abwägte und daraus eine logische Strategie ableitete. Seine ELO-Zahl war ihm im Grunde genommen egal, und Turniere besuchte er nur, um seine alten Freunde wiederzutreffen und sich an gemeinsame Zeiten zu erinnern. Er dümpelte im nationalen Mittelfeld vor sich hin, gewann kleinere Meisterschaften und pflegte daneben sein anderes Hobby, das er zum Beruf gemacht hatte. Debers war ein Geheimtipp unter Philatelisten, der mit Veröffentlichungen über seltene Sammlerstücke auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dennoch besaß er ein außerordentlich präzises Gespür für die Qualität einer Eröffnungssequenz. Wenn er sich im Cafe niederließ, um einen Wildfremden zu einer Partie herauszufordern, konnte er nach wenigen Zügen bereits sagen, ob es sich lohnte, weiterzuspielen. Wenn ihn die Partie langweilte, brach er das Spiel abrupt ab, indem er seinen König mit einem Finger flach auf das Spielbrett legte, lächelte, rasch eine Zigarette entzündete und sein Gegenüber zu einem Getränk einlud. Manchmal ergaben sich aus diesen Momenten interessante Gespräche, meistens jedoch stand er auf, sobald das Getränk von der Bedienung gebracht worden war, und verabschiedete sich mit einem festen Händedruck. Debers war in seinem grauen Mantel und seinem karierten Hut eine unauffällige Erscheinung, die man leicht übersehen konnte. Und doch ließ einen der Gedanke an ihn nur schwer wieder los. Im Schachclub, der nur ein paar Häuser weit von seinem Stammcafe entfernt war, gehörte er beinahe zum Inventar. Er redigierte den "Schachboten", eine äußerst unregelmäßig erscheinende Postille, die auf uralten Maschinen in einer zweihundertfachen Auflage gedruckt und kostenlos an die Mitglieder und Gäste des Clubs verteilt wurde, bis ein jüngeres Mitglied sich anbot, die Zeitung an seinem heimischen PC zu entwerfen; aber auch dann blieb er noch der Redakteur und schrieb viele Artikel selbst. Einen großen Raum nahmen dabei die Turnierberichte ein, in denen er seinen Clubkameraden die Genialität der Spielzüge eines Kasparov auseinandersetzte. Eines Tages bemerkte er in der Ecke seines Cafes einen jungen Mann mit strohblonden Haaren und einem blauen Pullover, der tief in die Lektüre seiner zufällig dort ausliegenden Postille versunken war. Er trat an ihn heran und räusperte sich. Langsam drehte sich der junge Mann um und musterte ihn. "Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber ich sehe, dass Sie sehr an meinen Artikeln interessiert sind und wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, eine Partie zu spielen?" Der junge Mann lächelte ihn an und sagte: "Sie sind der Verfasser? Setzen Sie sich doch." Debers dankte und setzte sich ihm gegenüber. Dann blickte ihn der Unbekannte durchdringend an und versetzte ihm im höflichen Parlando mehrere Schläge hintereinander: "Sehen Sie, ich bin kein Schachspieler, sondern Pianist, nun ja, ein bißchen verstehe ich was von der Materie. Was Sie jedoch über Kasparovs Verteidigung schreiben, ist ein ausgemachter Blödsinn." Er hob abwehrend die Hände. "Ich weiß, was Sie sagen wollen. Der Trick, den Springer nach hinten zu ziehen, ist ein dramatischer Effekt. Wenn Sie allerdings anschließend nicht höllisch aufpassen, zerfällt Ihnen das ganze Spiel, und einer Gegenattacke sind Tür und Tor geöffnet. Selbst Kasparov beherrschte das nur an seinen besten Tagen. Im absoluten Idealfall und mit sehr viel Glück schlagen Sie als Durchschnittsspieler noch ein Remis heraus." Der Unbekannte lehnte sich zurück, während Debers hinter den dicken Gläsern seiner Hornbrille blinzelte, aber ansonsten keine Miene verzog.