Hoch in der Luft (6)
Miks und Muksch zerrten ihren Segelflieger mit den restlichen Hanfseilen auf dem schwarzen Raben fest und stiegen dann selbst ein. Captain Carlos hüpfte ein paar Mal auf und ab, woraufhin Muksch grün anlief und sich immer tiefer in seinen Sitz quetschte. Hilfesuchend sah er Miks an, der mit einem Lächeln das wahnsinnige Geschaukel genoss. "Ach, Muksch, du hast doch nicht etwa Flugangst?" Miks redete weiter und weiter, aber sein unaufhörlicher und sich langsam steigernder Redefluss beruhigte Muksch keineswegs. Er wollte, dass er still war, brachte aber nichts außer einem Wimmern zustande. Ihm war abgrundtief schlecht. Captain Carlos krächzte in die Nacht, und der vielstimmige Chor der Raben antwortete ihm. So drehte er eine elegante Kurve über das Blätterdach der Linden hinweg und steuerte geradewegs den Himmel an. Miks freute sich über die vielen bunten Lichter, die von unten heraufschimmerten. "Muksch, sieh doch mal. Was für ein atemberaubender Anblick!" Muksch würgte vor sich hin und hielt seinen Kopf über den Rand des Segelfliegers. "Und, wie gefällt es euch?" rief Captain Carlos, der offensichtlich ziemlich außer Puste war. "Ich glaube, Muksch hat weniger Spaß daran", schrie Miks in den brausenden Wind hinein. "Es geht nach Süden. Achtung, festhalten!" Und erneut vollzog er eine abenteuerliche Wendung und stürzte in ein Wolkenloch, um dann in einer abflachenden Kurve geradeaus weiterzufliegen. "Mach das nie wieder, du blöder Rabe", presste Muksch mit matter Stimme hervor. Er war auf den Boden des Segelfliegers hinabgerutscht und hielt sich den Bauch. Miks stieß ihn verschwörerisch an und sagte leise, so dass Muksch ihn gerade noch verstehen konnte: "Meinst du, wir können Vertrauen in ihn haben? Wer weiß, vielleicht setzt er uns irgendwo ab und verspeist uns dann, nur weil er Hunger hat. Du siehst ja, wie sehr ihn das Fliegen anstrengt." "Ich habe jedenfalls kein Vertrauen mehr in ihn, seit ich hier eingestiegen bin. Ich glaube, dass unser Segelflieger uns wesentlich ruhiger fortträgt als dieser Halunke." "Vielleicht reisen wir noch ein kleines Stück mit ihm, und dann schneiden wir uns einfach ohne Vorankündigung los." Das waren die letzten Worte, die die beiden wechselten, bevor sie aufgrund der Aufregung, höchst übermüdet und weil es nichts mehr zu besprechen gab in einen tiefen Schlaf fielen und zu schnarchen begannen. Das kalte, klare Licht des Halbmonds übergoss ihre Gesichter, während Captain Carlos in höchster Eile einem unbekannten Ziel entgegeneilte. Drei Reisende, die wie Schatten über das nur zu erahnende Land unter ihren Füßen dahinflogen - sie waren für einen unbeteiligten Beobachter eine recht seltsame Reisegemeinschaft, die schon sehr bald getrennte Wege einschlagen würde. Jedenfalls, wenn es nach Muksch und seinem Traum ging. Er sah sich als Herkules, der mit seinen starken Kiefern die Taue zerbiss, mit denen sie an den verrückten Raben gekettet waren. Leider hatten sie tatsächlich in aller Eile vergessen, ein Messer einzustecken. Muksch hielt das zwar nicht für wahr, er glaubte, ein glänzendes Messer in seinen Händen gesehen zu haben, aber Miks versicherte ihm immer wieder das Gegenteil.
WilderKaiser - 5. Mai, 23:12 in: In 30 Tagen um die Welt
