...die Redewendung: "Spitz wie Nachbars Lumpi"?
Die Stadt hatte sich bereits zu einem ausgedehnten Schlaf zurückgezogen. Die Geräusche ebbten nach und nach ab, und nur noch selten sang ein Autoreifen sein Lied auf dem Asphalt. Stille senkte sich wie Nebel auf die Dächer und Lider. Die Dämmerung schickte ihren kalten Hauch voraus, unter dem die Vögel erschauerten und schnell ihr Nachtquartier aufsuchten. In konzentrischen Kreisen begann der schwere, alptraumhafte Schlaf von der Pailmaille ausgehend jedes Lachen im Umkreis zu ersticken. Die Bars und Kneipen schlossen viel früher als gewöhnlich, da die Besitzer plötzlich ein schmerzhaftes Ziehen hinter ihrer Stirn verspürten und ihnen ihr eigenes Zuhause wie eine verlockende Gelegenheit erschien. Es war die Stunde der Raben. Miks und Muksch hatten in aller Eile stumm ihren Flieger zusammengeflickt und ihn unter Einsatz aller Kräfte unter den Stamm einer großen Linde geschoben. Das diffuse Licht der Laternen erhellte ihre verstörten Mienen. Sie tasteten hinter sich die vertraute Rinde eines Baums, während sich um sie herum eine unwirkliche Welt auftat. Dann hörten sie plötzlich ein leises Sirren, das sich immer mehr zu einem Brausen verdichtete. Sie hielten die Hände vor ihre Augen, um sie vor dem herumwirbelnden Staub zu schützen. Als sie wieder etwas sehen konnten, glaubten sie, in ein schwarzes Loch zu blicken. Captain Carlos, ein Rabe, kehrte gerade von einer ausgedehnten Reise zurück und putzte sich das Gefieder. "Hallo-", flüsterte Muksch mit belegter Stimme. Er räusperte sich. Miks war einer Ohnmacht nahe. "Hallo", rief Muksch aus Leibeskräften. "RRRUUUHHÄÄÄ!!!" krächzte der Rabe als Antwort und wandte sich ihnen zu. Er trug eine schwarze Uniform mit einer einzelnen, blau gefärbten Feder. Eine Augenklappe bedeckte das rechte Auge. Er machte wirklich einen sehr schneidigen Eindruck. "Was habän wirr dänn da? Ameisen? Ich hätte gute Lust, euch zu verspeisen!", sagte er und rammte seinen Schnabel direkt vor Miks und Muksch so heftig in den Boden, dass die Erdbrökchen in alle Richtungen davonspritzten. "Nein, nein, nicht. Was können wir dir schon tun? Wir sind dir hundertfach unterlegen. Hör uns an, bitte!" Muksch wußte nicht mehr so genau, was er da hinausschrie. "Ich bin abärr in einer sährr wichtigen Mission unterwegs und habe keinä Zeit." "Wir müssen ja nicht wissen, wo du genau hin willst, wenn du uns nur mit unserem Gefährt hoch in den Wolken absetzst." Muksch trat einen Schritt zur Seite und gab Captain Carlos den Blick auf ihren Segelflieger frei. Captain Carlos lachte heiser, als er den Segelflieger sah; es hörte sich an wie ein krampfhafter Husten. Miks griff sich an seine Stirn und kippte beinahe um. Dann richtete er sich auf und schleuderte dem Captain wutentbrannt entgegen: "Nimm uns schon mit, du alter, bösartiger Kampfrabe!" Miks sank erschöpft zurück. Captain Carlos trippelte einige Schritte auf Miks zu und betrachtete ihn eindringlich mit seinem gesunden Auge. "Wie war das?" sagte er leise, aber mit einem unüberhörbaren Donnergrollen in seiner Stimme. "Ihrrr glaubt wohl, weil ihr Ameisen seid, könnt ihrrr euch alles erlauben?" Muksch zuckte zusammen. Gleich würde er sie beide fressen, wie er es angekündigt hatte. Doch dann lachte der Rabe lauthals. "Hahaha. Also gut, ich nehme euch mit und lasse euch in den Wolken aussteigen. Ich kann garr nicht andärrs, als euren tollkühnen Mut zu räspäktieren. Schließlich bin ich ein Kampfrabää, hahaha." Miks war von dieser unvorhergesehenen Wendung mehr als überrascht und äußerst mißtrauisch. Er hatte noch nie etwas Gutes über Raben gehört. Als er einen kurzen Seitenblick auf Muksch erhaschte, bemerkte er an seinem sorgenvollem Gesicht, dass diesem ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen. "Gut, laden wir den Flieger auf.", sagte Muksch knapp.