Mars
Die einzigen Gefühle, die ihm noch geblieben waren, waren Wut und Angst. Eine kalte Wut, die eingekapselt war und ihm jede logische Verknüpfung zerschnitt, ehe er sie ahnen konnte. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Er war zur Fassade geronnen, hinter der sich niemand befand. Er wollte sich selbst tilgen. Diesen Wunsch beseelte eine solche ungeheure Hybris, dass es ihn selbst schauderte. Er errichtete ein abgeschlossenes System aus Schuldgefühlen und Bestrafungsphantasien, in dessen Mittelpunkt er sich selbst befand und das ihn immer weiter von der Realität wegdriften ließ. Oft erblickte er sich im Spiegel und sah ein ausgeschnittenes Loch. Dann wünschte er sich, er könnte dieses Loch mit Blut füllen, mit der Empfindung reiner physischer Schmerzen. - Kollmer wich instinktiv zurück. Ein stechender Geruch war ihm in die Nase geraten. Dann kroch wie ein glühender Lavastrom der Durst nach Blut in ihm hoch und der bittere Wunsch nach Rache und Vergeltung legte sich ihm als pelziger Geschmack auf die Zunge. Er ruderte mit den Armen und stolperte einige Schritte nach hinten, weg vom Leichnam, der vor ihm lag. Seine Eingeweide krampften sich zusammen. Schließlich zwang er sich, ruhiger zu atmen und die Situation objektiv zu analysieren. Es durfte auf keinen Fall geschehen, dass er sich bei seinen Ermittlungen von Emotionen leiten ließ. Von diesem Augenblick an lief die Zeit gegen ihn, und es durfte keinen Fehler geben, bis sich der Nebel gelichtet hatte. Er hatte die glasklare intuitive Erkenntnis, dass zuerst die Leiche der jungen Frau und viel später die des Kindes abgelegt worden war. Und irgendwie hatte ihn die Fundstelle der jungen Frau selbst zum Leichnam des Kindes geführt; daher mußte zwischen beiden irgendeine Verbindung bestehen, die er aber zunächst nicht näher eingrenzen und benennen konnte. Das Kind war etwa vier oder fünf Jahre alt und mit tiefen, aber gezielten Stichwunden völlig übersät; einige Finger und Zehen waren mit einem stumpfen Gegenstand abgehackt und neben das Kind gelegt worden. Die Anordnung des Körpers und der um ihn herum liegenden Körperteile machte einen kontrollierten und sachlichen Eindruck. Das Kind war an einem anderen Ort ermordet worden, und der Mörder schien nicht im Rausch der Erregung gehandelt zu haben, sondern einem genauen Plan gefolgt zu sein. Einzig und allein das zerfetzte und blutbefleckte Unterhemd passte nicht zu diesem Bild. Es hatte einem Erwachsenen gehört. Kollmer las so etwas wie eine Botschaft aus dem Unterhemd, aber es war wie bei einem Namen, der einem partout nicht einfallen will - irgendwann gibt man auf. Nachdem er so einige Minuten in hockender Stellung vor dem Leichnam verbracht hatte, stand er auf, um seine Kollegen zu informieren. "Mensch Kollmer, wie konnten Sie das wissen?" fragte ihn spät in der Nacht Schneider. "Lassen Sie mich nach Hause gehen, ich brauche ein paar Stunden Schlaf", antwortete er leise.
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WilderKaiser - 11. April, 22:51 in: Eisige Kälte